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Hohe Berge, dünne Luft

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Aus unserem Archiv aus dem Jahr 2011 – Gran Tourismo mit einer Fulvia Rallye 1,3 S in den italienischen Dolomiten

Auf dem Weg auf das Penser Joch

In der deutschen Literatur gab es früher die Gattung der Wanderbriefe, wo ein Reisender den Daheimgebliebenen über seine Erlebnisse und Eindrücke berichtete. Die österreichische Motorzeitschrift „autorevue“ pflegt seit vielen Jahrzehnten diese Form der Berichte. Die Kunstfigur „Phil Waldeck“ berichtet seinem „Lieben Freund“ so über Dinge, welche ihn beeindrucken. Franz Casny war vor drei Jahren mit seiner Fulvia im hohen Norden – siehe Drivers Journal „Kleine Fulvia so weit weg von zu Hause“. Dieses Mal war er nicht im hohen Norden sondern in den hohen Bergen unterwegs gewesen und schickte uns den folgenden Wanderbrief.

 

Hohe Berge, dünne Luft. Hallo lieber Hannes,

anlässlich des Jahrestreffens mit meinen alten Freunden, das wir heuer in Kufstein abhielten, habe ich mich entschlossen, meinen lange gehegten Wunsch mit der Fulvia  das Stilfserjoch zu überqueren in die Tat umzusetzen.

Das Stilfserjoch mit seinen 48 Spitzkehren gehört zu den höchsten Bergübergängen in Europa und ich war schon in den späten 60ern von disem Berg fasziniert. Ich habe ihn mit damals meinem  Fiat 1500 und meinem Alfa Berlina 2000 sehr oft bezwungen. Meine Überlegungen gingen aber weiter und so beschloss ich, noch einige schöne Bergstraßen „mit zu nehmen“.

Nach sehr heißen drei Tagen in Kufstein, die in der Fulvia die Klimaanlage (= alle Fenster weit offen) weit überforderten und mir Innentemperaturen von 50°C bescherten, brach ich zu neuen Ufern auf. Just an diesem Samstag begann es fürchterlich zu schütten. Weiters bildeten sich in zwei langen Baustellen der Inntalautobahn durch den rückflutenden Urlauberstrom ein Riesenstau. Aber schlau wie ich bin: runter von der Autobahn und die nächsten Kilometer auf der Bundesstraße mit gut 60 km/h in die nächste Baustelle, wo sich der Durchreiseverkehr mit dem samstägigen Einkaufsverkehr eine  gewaltige Schlacht um jeden Meter Boden lieferte. Fazit : Kufstein – Innsbruck  3,5 Stunden!

Mendola – früher Austragungsort von Bergrennen

Aber dann ging es bergauf. Die alte Brenner Bundesstraße hoch gefahren und knapp vor der Passhöhe in Gries am Brenner im leichten Schneefall im „Weißen Rössl“ Quartier bezogen. Am Sonntag schien wieder die Sonne und beim Frühstück erfuhr ich, dass die alte Brennerstraße wegen des Radmaratons  in einer ¼ Stunde gesperrt werden würde. Auf meine Frage nach der Teilnehmerzahl wurde mir erklärt, dass sich 6.000 Radler angemeldet hätten, aber es wurden nur 4.000 genommen. Ich konnte mir daher ausrechnen, wie lange die Vorbeifahrt dauern würde und beschloss sofort aufzubrechen. Beim bereits zahlreich erschienenen Publikum war gute Stimmung und man jubelte mir zu, ich grüßte freundlich zurück und wurde in Sterzing von der über den Jaufenpaß  führende Straße abgeleitet. Mein Diskutieren mit den Carabinieri brachte nichts und der Jaufenpaß muss weiter auf mich warten.

Die Ersatzstrecke führte über das 2.215m hohe Penser Joch. Der Anstieg war nicht sehr steil, aber landschaftlich sehr ansprechend. Nach einer guten Stunde landete ich bei angenehmen Temperaturen in Bozen. Kurze Stadtbesichtigung, erst mit dem Auto, dann zu Fuß, weil „verkehrsberuhigte Zone“. Dann ging’s weiter an der Burg Sigmundskron vorbei Richtung Eppan und den 1.363 m hohen Mendelpass. Eine wunderschöne Aussicht auf die wohl sehr berühmten Weinhügel von Kaltern und dem dazugehörigen See. Vom Mendelpass kurzer Anstieg über das Gampen Joch, danach immer bergab mit dem 2 Gang als Motorbremse bis Meran. Da es Abend wurde und mein Magen doch nach Nahrung verlangte, fuhr ich ohne Besichtigung nur durch. Der Etsch flussaufwärts folgend bis Prad am Stilfser Joch, wo ich ein nettes Quartier mit guter Küche von früheren Reisen kannte.

 

Der Ortler erwartet den Wanderburschen

Montagmorgen: ein prächtiger Tag beginnt mit einem guten Frühstück. Danach Auschecken, Volltanken, Start bei 920 m Seehöhe und rauf auf den Berg. Die ersten 10 km leicht kurvig bergauf bis Trafoi auf 1.543 m Seehöhe. In  diesem  Ort lebte die große Südtiroler Schilegende Gustav Thöni und hier steht auch in der ersten Spitzkehre der nächsten 15 km langen Auffahrt das Hotel Bella Vista seiner Eltern. Ab hier geht’s zur Sache. Es folgen auf 14 km weitere 47 (!!)  Spitzkehren und überwinden genau 1.217 Höhenmeter. Eine Hundertschaft an Radfahrern und einige Motorrad-Gangs haben an diesem wunderschönen Tag das gleiche Ziel. Ich bewundere die Radfahrer und meinen braven Motor, der trotz sehr dünner Luft und steilem Anstieg einwandfrei  lief und keine Anzeichen einer Überhitzung zeigte, …. gute Arbeit, lieber Helmut Neverla!


Der Ortler erwartet den Wanderburschen

Auf 2.760 m Seehöhe gut angekommen, mit der Seilbahn rauf auf den Gletscher, um oben auf 3.174 m festzustellen, dass nur noch die Hälfte des Eisfeldes vorhanden ist, war Pflicht für mich. In den 1970er Jahren konnte ich noch mit den Schiern bis zum Parkplatz abfahren. Sche…Erderwärmung! Und im Radio höre ich immer: hurra wir haben heute wieder 33°C und viel, viel Sonne und wir gehen alle baden. Ja, ja die Gletscher auch!

Sommerskilauf auf immer kleiner werdendem Gletscher

Noch eine Bemerkung zu dieser berühmten Straßenverbindung. Sie wurde  Mitte des 19 Jahrhundert von der habsburgischen k&k-Militärverwaltung von österreichischen Pionieren errichtet, um die Soldaten der k&k-Armee in der Lombardei über Tirol zu versorgen. Sie war damals den ganzen langen Winter befahrbar. Der Pass war bis in die 1960er Jahre der höchste Alpenpass. In Frankreich ist der Col d’Iseran bei Val d’Isere  seither um ganze 9 m höher.

Sind Ihre Bremsen in Ordnung? Und die Bremsflüssigkeit nicht nur mehr Wasser?

So jetzt wieder zu meinem Abenteuer. Vom Stilfser Joch abwärts geht’s nach ca. 300m über den Umbrailpass in die Schweiz. Da gibt es noch ein Stück Sand unter die Reifen. Man kommt über Müstair nach Taufers in Südtirol. Von hier ist es nur ein kleines Stück nach Glurns, der kleinsten Stadt in den Alpen und Italiens. Ihre noch zur Gänze erhaltene Stadtmauer und der alte Stadtkern mit gotischen Häusern und sehr engen Gässchen ist auch die Heimat des sehr bekannten Tiroler Grafikers Paul Flora.

Vergangene imperiale Größe Österreichs – mit spitzer Feder festgehalten

Nach dem Besuch seiner Ausstellung im Stadtturm ging es weiter Richtung Dolomitenpässe. Die notwendige Übernachtung zwang mich knapp vor Meran zur Quartiersuche, welches ich in einer großen Apfelplantage fand. Der Bauer erntet ca. 250 Waggon Äpfel im Jahr. Die Luft roch dementsprechend herrlich. Schnell noch eine Pizza und ein Glas Südtiroler Rotwein und ab in die Federn.

Rosengarten – Rosen für die brave Fulvia

Dienstag: Weckruf durch lauten Traktor, oh ich hab verschlafen! Ich will heute drei große Pässe schaffen. Also rasch alles Notwendige erledigen und aufsitzen, ab auf die SS 38 nach Meran und gleich weiter nach Bozen und durch das kleine schmale Eggental nordöstlich der Stadt nach Welschenofen, zum Karrersee und zum Karrerpass. Von hier sieht man Laurins Rosengarten, einen Felsstock von besonderer Schönheit. Nach einem netten Gespräch mit einem einheimischen Hotelmanager über Südtirol und Lancia fuhr ich weiter ins Fassatal oder besser Val di Fiemme, denn hier spricht man italienisch und latinisch, nach Canazei in die Gegend der mächtigen 3.343m hohen Marmolada. Links von mir die Felsen der Sellagruppe. Ab hier beginnt der Anstieg zum Passo di Pordoi auf 2.239 m. Oben nach 28 Kehren gut angekommen und weil das Wetter den ganzen Tag schon bewölkt war, nur eine kurze Pause, einen Kaffee, ein Panino, ein Pickerl fürs hintere Ausstellfenster. In der Abwärts-Bewegung wieder sehr vorsichtig weiter gerollt und die Motorbremse (2. Gang) eingesetzt, denn 28 Spitzkehren bergauf ergeben meist genau so viele wie bergab. Weiter auf der „Großen Dolomitenstraße“ SS 48 Richtung Cortina d’Ampezzo  zum nächsten großen Ziel, den Passo di Falzarego mit 2.105 m.


Heute Museum – Fort Tre Sassi

Knapp vor der Passhöhe geht links eine kleine Straße zum  Passo di Valparola auf 2.192 m und zu einem historische Punkt. Als Mensch mit geschichtlichem Interesse musste ich den kurzen Umweg machen und besuchte das von der österreichischen k&k-Armee errichtete Sperrfort Tre Sassi, das 1897 zum Schutz gegen eventuelle Kriegshandlungen der italienischen Armee errichtet worden war und seit 2003 in ein Museum umgestaltet wurde. Die Weiterfahrt war keine große  Herausforderung nur begann es leicht zu regnen. Das kühlte wenigstens die Bremsanlage und ich kam gut nach Cortina.

Auf dem Weg auf das Pordio Joch

Ein Tankstopp war nötig. Mein weiterer Weg sollte über den Misurinasee nach Toblach oder gleich bis Sillian in Österreich gehen. Da das Wetter immer schlechter wurde, fuhr ich gleich direkt nach Strass bei Sillian, übernachtete und rollte am nächsten Tag im Sonnenschein über die Autobahn Lienz, Villach, Klagenfurt bis Gleisdorf. Hier ein Tankstop, kleiner Imbiss und weiter ging es über die alte Bundesstraße 54 nach Hartberg, Friedberg und den letzten noch möglichen Pass auf unserer langen fast 2.000 km langen Reise. Ich schenkte der Fulvia nichts, absolut nichts, ich jagte sie die fast unbefahrene Passstraße hoch und bezwang den fast 1.000m hohen Pass mühelos. Kein Vergleich mit der Kurblerei auf  Südtiroler Passstraßen. Am Abend kam ich etwas müde, schmutzig, aber glücklich zu meiner lieben Frau heim.

 

Gran Tourismo mit Lancia Fulvia 1,3

 

Mit lieben Gruß Dein
Franz

P.S. Die Fahrmaschine, genannt Fulvia, steht bereits gewaschen und  mit den gesammelten Trophäen (Pickerln) am linken hinteren Ausstellfenster in der Garage und träumt von den schönen Bergen ,Tälern, Städten und netten Menschen in Südtirol.

Der Obige / 10.2011

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