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Nicht immer im Kreis oder durch den Dreck fahren …

Bergrennen mit Flavia 1963
Bergrennen mit Flavia 1963

Nach längerer Pause quäle ich die Leser von lancianews wieder einmal mit der Sportgeschichte von Lancia, diesmal zu einer Disziplin, die heute fast in Vergessenheit geraten ist: den Bergrennen. Bis in die 1980er-Jahre gab es europaweit in nahezu jedem Land jede Menge Bergrennen mit lokalen, regionalen und Europameisterschaften. Als Spitzensport von Formelrennwagen abwärts bis zu serienmäßigen Tourenwagen, erst die laufend verbesserten Sicherheitsvorkehrungen für Teilnehmer und Zuschauer machten die Veranstaltungen auf den Straßen, die nur bei den Bewerben entsprechend präpariert wurden, unwirtschaftlich und schließlich unmöglich.

Bergrennen mit Lancia - Marco Crosina 1965
Bergrennen mit Lancia – Marco Crosina 1965

Vom Beginn der Motorisierung an stürmten Motorrad- und Autofahrer auf die Berge, wobei z.B. in Österreich nahezu jeder Berg irgendwann einmal als Bergprüfung diente. Der „berühmteste“ österreichische Berg war der Semmering, der von 1899 bis 1933 einmal jährlich gefahren wurde. Martin Pfundner hat dies in seinem Buch (Vom Semmering zum Grand Prix, Wien, 2003) eindrucksvoll beschrieben. Nach dem zweiten Weltkrieg gab es in Österreich Bergmeisterschaften, die viele bekannte Bergstraßen einschloss: Wiener Höhenstraße, Braunsberg, Dopplerhütte, Stotzing bei Eisenstadt, Sonntagsberg, Bad Mühllacken, Gaisberg, Dobratsch, Weerberg, Alpl, Kapfenberg, Koralpe, Loiblpass, Platschberg, Stainz, Stubenberg usw.

Bergrennen mit Lancia - Leo Cella 1963 Timmelsjoch
Bergrennen mit Lancia – Leo Cella 1963 Timmelsjoch

Auch in Italien wurden die Berge motorsportlich bezwungen, für diesen Bericht habe ich im Zuge der Recherchen für meine Bücher über die Flavia- und Fulvia-Sporteinsätze eine Reihe bunter Informationen gefunden, welche die Einsätze von Privat- und Werksfahrern bis zum Jahr 1966 zeigen, als Dr. Marco Crosina mit der Flavia Sport italienischer Bergmeister wurde.

Nach der Appia-Zeit kamen die Flavias – 1963 die 1,5 l Coupés, ab 1964 kurzzeitig die 1,8 l Coupés und schließlich die Flavia Sport. Ab 1966 allerdings nur noch die die Fulvias in Händen der Privatfahrer, auch mit Werks-Leihfahrzeugen (Rosadele Facetti). Ich führe hier die Flavia-Einsätze der Werksfahrer an, die Namen der Bergprüfungen sind herrlich bunt:

 

 

 

 

Bergrennen mit Flavia - Claudio Maglioli 1965 in der Axamer Lizum
Bergrennen mit Lancia – Claudio Maglioli 1965 in der Axamer Lizum (TMW Wien)

 

Jahr Datum Bewerb Nr. Fahrer/Beifahrer Erg. Auto T
1962 29. Juni Garessio – San Bernardo Frescobaldi 1 B
15.Jul Vinci – San Baronto Frescobaldi 1 B
1963 7. Apr. Stallavena – Boscochiesanova 290 Cella 1 C
Stallavena – Boscochiesanova Patria 2 TO 493873 C
26.Mai Bologna – Raticosa Patria 1 C
02.Jun Coppa della Consuma 204 Patria 1 TO 490761 C
Coppa della Consuma 206 Cella 2 C
Coppa della Consuma 208 M. Letto di Priolo 6 C
30.Jun Vezzano – Casina Patria 1 C
23.Jun Mont Ventoux (F) 197 Cella 1 TO 490759 C
14.Jul Trento – Bondone 242 Patria 1 C
28.Jul Cesana – Sestriere Frescobaldi 4 C
Cesana – Sestriere 202 Patria 2 C
21.Jul Trieste – Opicina 190 Patria 1 TO 493872 C
Trieste – Opicina 200 Facetti (?) C
?? San Remo – Colle Fiori Patria 1 C
15.Sep Timmelsjoch (A) 62 Cella 1 TO 490761 C
Timmelsjoch (A) 61 Patria DNS C
14.Jun Mont Ventoux (F) 149 Trautmann 4 TO 624006 Z
Mont Ventoux (F) 147 Crosina 3 TO 632309 Z
12.Jul Trento-Bondone Genta 1 TO 618938 C
23.Aug St. Ursanne-Les Rangiers (CH) Crosina 4 Z
13.Sep Timmelsjoch (A) 49 Crosina Z
1965 04.Apr Stallavena – Boscochiesanova 352 „MC“ 1 TO 624004 Z
27.Mai Coppa della Collina 340 Crosina 1 TO 630966 Z
6. Jun. Mont Ventoux (F) 130 Trautmann 1 TO 654422 Z
19.Jun Citta di Asiago 264 C. Facetti TO 715122 Z
20.Jun Garesso– S. Bernardo 164 Taramazzo 1 MI 989288 Z
27.Jun Valvisciolo – Bassiano 96 Maglioli 1 TO 715122 Z
04.Jul Mendola 148 Crosina 10 TO 702263 Z
Mendola 158 Genta 18 C
Mendola 160 „Kandaru“ Z
11.Jul Trento-Bondone 292 Maglioli 1 TO 715122 Z
Trento-Bondone Crosina 2 TO 702683 Z
Trento-Bondone 290 Facetti 5 TO 714001 Z
18.Jul Trieste – Opicina Maglioli 3 Z
Trieste – Opicina Crosina 4 Z
25.Jul Cesana – Sestriere Maglioli 2 Z
Cesana – Sestriere 226 Crosina 1 TO 702683 Z
01.Aug Axamer Lizum (A) 71 Maglioli 3 TO 702683 Z
25. Aug. Ascoli-colle S. Marco 346 Crosina 22 TO Z
Ascoli-colle S. Marco 356 Maglioli 6 TO 702683 Z
22. Aug. Ascoli-colle S. Marco 356 Maglioli 1 Z
Ascoli-colle S. Marco 354 Crosina 4 Z
17. Okt. Castione-Presolana Cella 10 C
1966 20.Mär Bologna – Raticosa 200 Crosina 8 Z
27.Mär Coppa della Collina 340 Crosina 1 Z
17.Apr Stallavena –Boscochiesanova 352 Crosina 1 TO 654422 Z
22.Mai Bologna – Raticosa 200 MC 1 TO 654422 Z
26.Jun Mont Ventoux (F) Trautmann 8 1 PZ 38 Z
29.Jun Valvisciolo – Bassiano Maglioli 2 Z
03.Jul Mendola Crosina 1 Z
10.Jul Trento – Bondone 122 Maglioli 1 Z
24.Jul Cesana– Sestriere „MC“ 1 Z
18.Sep Pontedecimo-Giovi 238 Munari 1 TO 654422 Z

Legende: B = Berlina, C = Coupé, Z = Zagato (Sport)

Mindestens genau so lang ist die Liste der Privateinsätze, doch das Bildmaterial ist von schlechter Qualität, weil aus dem Internet, dass die Wiedergabe nicht wirklich sinnvoll erscheint. Erfreulicherweise gibt es in Italien einige Bücher über diese Bergrennen, wo man allerdings nicht alle Informationen (vollständige Startlisten und Bilder) findet, weil auch dort das Archivmaterial nicht vollständig ist. Aber es gibt heute Revivals, denen viel Raum eingeräumt wird.

 

Bergrennen mit Flavia - René Trautmann Monte Ventoux 1965 (Maurice Louche)
Bergrennen mit Lancia – René Trautmann Monte Ventoux 1965 (Maurice Louche)

 

Als Fahrer waren zu dieser Zeit mit Ausnahme von René Trautmann aus Frankreich nur Italiener unterwegs, die auch andere Bewerbe wie Rundstreckenrennen und Rallyes für Lancia bestritten. Ab 1965 verschob sich der Schwerpunkt der Einsätze des Reparto Corse Lancia in Richtung Rallyes. 1965 waren René Trautmann und Claudine Bouchet knapp am Gewinn der Rallyeeuropameisterschaft vorbeigegangen, ab 1966 wurde vermehrt das Fulvia Coupé eingesetzt, das in der Klasse bis 1.300 cc gegen die Mini Cooper bei Bergrennen chancenlos war.

  • Piero Frescobaldi – der Spitzenfahrer der Frühzeit, 1964 beim 24-Stundenrennen in Spa-Francochamps tödlich verunglückt
  • Leo Cella – der universelle Spitzenmann parallel und nach Piero Frescobaldi auf allen Pisten. 1963 Europameister Tourenwagen bis 1.600 ccm, war auch auf Fulvia erfolgreich unterwegs – Rallyemeister 1966. 1968 bei Testfahrten in Ballocco mit einem Alfa Romeo tödlich verunglückt
  • Franco Patria – junger Shooting star, 1963 italienischer Meister Tourenwagen bis 1.600 ccm, der Lancia bald in Richtung Abarth verließ und 1968 in Monthlery tödlich verunglückte
  • Marco Crosina – oft unter dem Pseudonym „MC“ unterwegs, fuhr nur wenige Rallyes, war bei Berg- und Rundstreckenrennen stets ein (Klassen-) Sieganwärter, 1966 italienischer Bergmeister. Auch noch mit Fulvia bei Rennen unterwegs
  • Claudio Maglioli – Beifahrer (bei Marco Crosina), Rallyefahrer, Berg- und Rundstreckenpilot, Techniker (Fulvia F&M) und später Stratos-Veredler. Italienischer Rundstreckenmeister 1966 bis 2.000 ccm und 1967 ETTC-Europameister auf Fulvia.

Es gab in den 1960er-Jahren Berg-, Tourenwagen- und GT-Europameisterschaften, zu welchen auch Bergrennen in verschiedenen Ländern darunter auch Österreich zählten. Lancia beschickte diese Bergrennen in Österreich regelmäßig, im Archiv des Technischen Museums Wien sind die Fotos der Herrn Artur Fenzlau und Erwin Jellinek von diesen Bewerben digitalisiert abrufbar.

 

Bergrennen mit Flavia - Gaisbergrennen 19656 - "Kandaru" (TMW Wien)
Bergrennen mit Lancia – Gaisbergrennen 19656 – „Kandaru“ (TMW Wien)

Aus dem vorhandenen Bildmaterial – Literatur, Zeitschriften und Internet – habe ich einige Bilder ausgewählt, natürlich alle schwarz/weiß.

 

Marco Crosina - Italienischer Bergmeister 1966 mit Flavia Sport
Marco Crosina – Italienischer Bergmeister 1966 mit Flavia Sport

 

E. Marquart / 1.2017

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