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Späte Einsicht

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Manche Leute brauchen etwas länger, bis sie die wahre „Qualität“ eines Autos erkennen. Dazu gehöre wohl auch ich.

Fulvia Berlina

Im Frühjahr 1994 kaufte ich ohne Ahnung, was ich mir da einhandeln würde, ein gut gebrauchtes, verbasteltes Fulvia Coupé 1,3 HF – der sportliche Ruf der Fulvia hatte mich zu diesem, heute nicht mehr nachvollziehbaren Wunsch geführt. Rallyesport, Form und Charakter des Modells waren die Argumente. Es folgt nun nicht die Geschichte meiner Fulvia, 30 Jahre später, viele Schillinge und Euros ärmer, aber eine sehr schöne Horizonterweiterung durch Technik, Menschen und Länder – es hat sich „gelohnt“.

Mit einiger Mühe konnte ich die Lücken meines Wissens über Lancia, die Fulvia-Modelle schließen – nein, das ist kein Alfa, das ist ein Lancia! Die wohlmeinenden Identifikationen von Ignoranten wurden bald großzügig ignoriert. Im Freundeskreis lernte ich über die Jahre einige der Modelle – Lancia und Fiat-„Derivate“ – näher kennen: Coupé 1,2, 1,3 S, 1,3 HF, 1,6 HF, 1,6 HF werkspräpariert, 1600 HF, Montecarlo, Fulvia 3 – aber keine Berlina! Ja, vom Sehen und höflichen (?) Bewundern, aber nie selbst (mit)gefahren.

Letzte Woche kam eher zufällig das Vergnügen, das zur oben erwähnten späten Einsicht führte. Ein Freund holte zwei Fulvias vom Mechaniker seines Vertrauens in Niederösterreich nach Wien zurück. Da aber nur ein Chauffeur für zwei Autos zur Verfügung stand, durfte ich die graue Berlina S1 nach Wien überstellen. Und es wurde ein schönes Erlebnis mit einigen Aha-Effekten!

Fulvia Berlina

Die Unterschiede zwischen Berlina und Coupé braucht man bei lancianews wohl nicht beschreiben. Lancias Usance, zuerst die Berlina, dann die Coupés (im oder außer Haus) zu konzipieren und zu bauen, ist bekannt. Als „erfahrener“ HF-Coupé-Nutzer setzte ich mich in die Berlina und musste mich zuerst zurechtfinden: die kleinen Türen, gleich vier davon, die aufrechten, breiten Sitze ohne seitlichen Halt (es gab zwar Gurte, aber diese ignorierte ich), das große Plastik-Lenkrad mit Chrom-Hupring, die total anderen Instrumente. Die drei roten Leuchten korrespondierten mit dem Coupé, aber Tachometer und Anzeigen für Benzin, Wassertemperatur und Öldruck scheinen mir puristisch, spartanisch – reichten auch ohne Beschriftung, denn 50 bzw. 70 auf der Skala kann wohl nicht der Tankinhalt sein! Der „digitale“ Tachometer war wohl ein Vorgriff auf die Spielereien des 21. Jahrhundert. Und einem kitzekleinen, unaufdringlichen Drehzahlmesser, der sich nicht in den Vordergrund drängt – ja der Motor dreht willig, wie bei Lancia üblich.

Fulvia Berlina S1

Aber: Die Lenkradschaltung! Ich saß 1959 das letzte Mal hinter einem Lenkrad mit Lenkradschaltung – in der Fahrschule in einem 3-Gang-Opel Rekord. Das Schaltschema sollte klar sein, hinten oben der erste Gang, weit vorne unten der Retourgang. Chocker, Wischer etc. sowie Heizung und Lüftung wie beim Coupé. Das sollte ich doch schaffen.

Der Limousinen-Charakter – kurze Übersetzung, Schalten, fast ohne die rechte Hand vom Lenkrad zu nehmen, nach wenigen Metern rollt man in der Vierten dahin und ist schneller, als man erwartet. Und das mit dem typischen Motorgeräusch der Fulvia – das Ansaugen ist nicht zu überhören. Den Auspuff habe ich nicht gehört. Auf den Bundesstraßen – keine Autobahnvignette an Bord – war die 60 Jahre alte Dame kein Hindernis, Lüftung scheint mir besser als im zugeklebten HF-Coupé.

Da muss es doch noch etwas zum Jammern geben! Nein, die Umsetzung des Konzeptes der kleinen Limousine mit großem Raum, die unkomplizierte Bedienung und die Spritzigkeit der Fulvia-Motoren ohne Kompromisse sind für mich beispielhaft – in welchem Ausmaß die Modifikationen von 2C bis zur 2. Serie 1972 den Charakter verändert haben, weiß ich (noch?) nicht.

Die Berlina-Gemeinde ist glücklicherweise recht groß, breit gestreut und scheut keine weite Reisen. Aus England, Irland, den Niederlanden kommen die Hartnäckigen zu den Fulvia-Meetings und in Österreich lebt mit Sabine Schuh eine Dame, die nicht nur ihre Berlina fleißig bewegt, sondern auch ein umfassendes Buch über das unterschätzte Modell geschrieben hat: FULVIA BERLINA – das Buch von Sabine Schuh – LANCIAnews

Sabine Schuh – Fulvia Berlina

E. Marquart / 4.2024

PS: Mit einem 1,6 l-Motor, ordentlichen Sitzen und einem weniger bürgerlichen Lenkrad, wäre … – aber keine echte Fulvia Berlina, wie von Lancia konzipiert und gebaut worden war!

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