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Motorisierte Bergsteiger – Teil 2

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Im ersten Beitrag über die motorisierten Bergsteiger in Österreich – vorzugsweise auf Lancia-Fahrzeugen unterwegs – habe ich über Bergrennen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts berichtet. Keine sehr ertragreiche Geschichte. Auch der zweite Teil der Rückschau ist kaum beeindruckender, er bringt zwar mehr Starts von Lancias, auch weil die Modelle rallyetauglicher waren und die Bewerbe „konsumentenfreundlicher“, und es nicht zwingend Spezialfahrzeuge für die Teilnahme  brauchte.

Wertungsfahrten und Rallyes

Der Rallyesport – in Österreich bis Mitte der 1960er-Jahre hartnäckig von der OSK offiziell als Wertungssport bezeichnet – erlebte in den über 110 Jahren (die Österreichische Alpenfahrt 1910 wird als erste „Rallye“ in den Annalen geführt) eine bunte, teilweise turbulente Entwicklung bis zum heutigen WRC-Stand. Die ursprüngliche Anforderung war es, das Ziel in der vorgegebenen Zeit über die vorgegebene Strecke unter allen (Rand-) Bedingungen wie Wetter und Topographie zu erreichen. Um die Chancengleichheit zwischen den Startern auf Fahrzeugen verschiedener Marken sicher zu stellen, wurden jede Menge Regeln geschaffen, die wieder fleißig unterlaufen wurden oder so vordergründig waren, dass der Sport oftmals auf der Strecke blieb. Bis Mitte der 1960er-Jahre gab es Handicap-Wertungen, die Kategorie, Hubraum und Gewicht der Fahrzeuge berücksichtigten. Als Entscheidungskriterien wurden Beschleunigungs- und Bremsprüfungen, Slaloms etc. herangezogen. Dann kamen aus Skandinavien die Sonderprüfungen auf schnellste Zeit auf abgesperrten Straßen, welche die taktischen Rechenspiele beendeten. In Österreich hatte die Alpenfahrt bereits ab 1949 (wenige) Sonderprüfungen auf Zeit vorgesehen, die allerdings mit komplizierten Formeln innerhalb der Kategorie und Klasse gewichtet wurden. Auch die Semperit-Rallye sah bis 1965 eine Handicap-Wertung vor.

Bergprüfungen bei Rallyes – Alpenfahrt 1950 Karl L. Hirsch

Um endlich wieder zum Titel des Beitrages zurückzukommen: wo, auf welchen Straßen wurden diese Sonderprüfungen gefahren? Neben kurzen Beschleunigungs- und Bremsprüfungen fuhr man auf Berge aller Art hinauf = Bergprüfung. Erst in den 1970er-Jahren gab es dann „Sprintprüfungen“ in allen Varianten: eben, bergauf und bergab. U.a. weil nicht mehr genug Berge für die Sonderprüfungen zur Verfügung standen, der Ausbau der Straßen schritt schnell voran – früher schmaler Saumpfad auf Schotter, heute breite, asphaltierte Landes- bzw. Bundesstraße, die man für den Sport nicht mehr absperren wollte. Als Musterbeispiel kann man die Straße von Lavamünd in Kärnten über die Soboth nach Eibiswald nennen.

 

Bergprüfungen bei Rallyes – Alpenfahrt 1958 Peter C. Blaimschein
Bergprüfungen bei Rallyes – Semperit-Rallye 1957 Peter C. Blaimschein

Neben den Rallyes hatten auch die regionalen Wertungsfahrten Bergprüfungen eingebaut, oftmals als Abschlussprüfungen mit dem Ziel auf der Bergeshöhe. Ich zähle untenstehend einige dieser Bergprüfungen auf, die bis zur ersten Energiekrise 1973 gefahren wurden – geografisch von West nach Ost gereiht. Die Länge der Prüfung wechselte, oftmals kletterte die Asphaltierung Jahr für Jahr weiter den Berg hinauf, bis es eine reine Asphaltprüfung war – z.B. Seiberer in der Wachau. Einmal asphaltiert, verlor die Straße die Attraktivität für Rallyes, „wechselte“ in den Bergrennsport, aber das wäre die andere Geschichte, die wir im ersten Teil des Rückblicks kurz betrachtet haben.

Alpenfahrt und Semperit-Rallye wurden immer im Monat Mai gefahren, da gab es oftmals noch oder wieder Schnee, der die Durchführung bestimmter Bergprüfungen (z.B. Großglockner) verhinderte und Umleitungen notwendig machte.

 

Bergprüfungen bei Rallyes – Alpenfahrt 1962 Walter Radler Pyramidenkogel
Bergprüfungen bei Rallyes – Semperit-Rallye 1962 Peter C. Blaimschein Forchtenstein

Die „Entwicklung“ der Sonderprüfungen ging gegen Ende der beschriebenen Periode in Richtung „Sprintetappe“, es wurde in den Ausschreibungen nur noch „Sonderprüfungen“ angeführt, ob Bergprüfung oder Sprintetappe wurde nicht mehr spezifiziert, sodass manche Berge rauf und runtergefahren wurde. Vor allem die Alpenfahrt nutzte ab 1971 mit dem Startort Baden nahezu jeden Berg in Niederösterreich und der Steiermark oftmals in beiden Richtungen, sodass die folgende Aufstellung in dieser Richtung zwangsläufig unvollständig ist.

Bergprüfungen bei Rallyes – Semperit-Rallye 1963 Walter Radler Seiberer

Vorarlberg
Hier war nur die Semperit-Rallye von 1959 bis 1973 unterwegs:
• Bödele (Dornbirn) – 8,5 km, mit steigendem Asphaltanteil – 1960 bis 1965
• Silvretta (Partennen) – 1964 6,7 km Asphalt, 1968 13,6 km und 1973 22 km – Asphalt.

Tirol
Hier habe ich nur Unterlagen von der Semperit-Rallye, keine von regionalen Wertungsfahrten:
• Leutasch (Telfs) – 1960 bis 1963 6,7 km Asphalt und 1969 bis 1973 10,6 km Asphalt
• Tulfes (Innsbruck) –5,7 km Sand – 1957 bis 1959
• Jenbach – 4,5 km Asphalt – 1965
• Gerlos (Gerlos) – 5,9 km Asphalt – 1968

Salzburg
Hier gab es neben der Alpenfahrt und Semperit-Rallye auch regionale Wertungsfahrten wie den „Tauernring“ und „Rund um den Gaisberg“:
• Untertauern – Obertauern – 8 km, gemischt Asphalt und Schotter – 1961 bis 1963
• Kolomannsberg (Hallein) – 6 km Asphalt – 1961 – 1963
• Gaisberg (Salzburg) – 8,6 km Asphalt – 1961 – 1963
• Großglockner (Oberfellach) – 12,6 km Asphalt – Semperit-Rallye – 1966 und 1968, Alpenfahrt 1964

Bergprüfungen bei Rallyes – Semperit Rallye 1966 Walter Radler Stotzinger Berg
Bergprüfungen bei Rallyes – Alpenfahrt 1967 Otto Karger

Kärnten
Kärnten war mit Startort Velden viele Jahre die „Heimat“ der Alpenfahrt, während die Semperit-Rallye aus Salzburg kommend in die Steiermark „durchreiste“, erst Ende der 1960er-Jahre wurde das Klippitzthörl als Sonderprüfungsstrecke „entdeckt“:
• Klippitzthörl (St. Getraud) – Semperit-Rallye 1969 bis 1973 – (meist über 8 km mit steigendem Asphaltanteil, bis 22,5 km als Sprintetappe)
• Klippitzthörl (Lölling) – 11 km Sand – Alpenfahrt 1953 bis 1956, 1962, 1963, 1965
• Katschberg (St. Michael) – 5,5 km Sand – Alpenfahrt 1949, 1950
• Kreuzberg (Bruggern) – 8 km Sand – Alpenfahrt – 1965, 1966
• Turracher Höhe (Ebene Reichenau) 6,7 / 7 km Sand – Alpenfahrt 1951, bis 1957, 1964 bis 1967, 1969 mit steigendem Asphaltanteil
• Wurzenpass (Riegersdorf) – 6,5 km Asphalt – Alpenfahrt – 1958, 1959, 1960, 1961, 1962, 1963
• Koralpe (Lavamünd) – 10 km Sand – Alpenfahrt 1960, 1961, 1962, 1963, 1964, 1965, 1967
• Pyramidenkogl (Plaschischen) – 4,5 km tlw. Asphalt – Alpenfahrt – 1962, 1963

Bergprüfungen bei Rallyes – Alpenfahrt 1971 – Heinz Weiner

Steiermark
Neben den beiden Rallyes gab es eine Reihe regionaler Wertungsfahrten wie „Steirische Berglandfahrt“, die nahezu alle Berge befuhren.
• Hausebner (Schrems) – 6,7 km Sand – Semperit-Rallye 1966 und 1968
• Stainzer Berg (Stainz) – Semperit-Rallye 1969 – 1973 (8 km Asphalt bis 28 km Sprintetappe)
• Sölkpass (Schöder) 12 km Sand – Alpenfahrt 1966. In Gegenrichtung auch Sprintetappe von Baierdorf – 21 km Sand – Alpenfahrt 1964, 1966
• Pfaffensattel (Steinhaus) – 8 km Sand – Alpenfahrt 1968, 1969
• Pötschenpass (St. Agatha) – 8,5 km Sand – Alpenfahrt 1953
• Präbichl (Trofeng) – 3,3 km Sand – Alpenfahrt 1950, 1953, 1954, 1955
• Stubenberg (Stubenberg) – 6,5 km – Alpenfahrt 1968

Oberösterreich
Hier gab es nur ganz wenige Berge, die rallyemäßig gefahren wurden:
• Pyhrnpass (Spital am Pyhrn) – 6,7 km Sand – Semperit-Rallye 1957
• Ziehberg (Ottsdorf) – 6 km Sand – Alpenfahrt 1961

Bergprüfungen bei Rallyes – 1000 Minuten Rallye 1970 – Simo Lampinen/Mario Mannucci –  Jauerling

Niederösterreich und Burgenland
Hier gilt dieselbe Aussage wie für die Steiermark, denn es gab in Niederösterreich eine Menge regionaler Wertungsfahrten wie „Voralpenfahrt“, Waldviertler WF usw., welche auch die Berge ausgiebig nutzten:
• Adlitzgräben (Semmering) – 5 km Sand – Semperit-Rallye 1962 – 1964
• Seiberer (Weißenkirchen) – 6,7 km Sand mit steigendem Asphaltanteil – Semperit-Rallye 1959 – 1968. Alpenfahrt 1967 – 1969
• Schleinz nach Hochwolkersdorf – 6 km Sand – Semperit-Rallye 1965 – 1967

• Auf dem Hart (Piesting – Hernstein) – 6 km Asphalt – München Wien-Budapest 1964, Martha Goldpokal 1964 – 1966
• Forchtenstein – 5 km Sand mit steigendem Asphaltanteil – Semperit-Rallye 1957 – 1964
• Stotzinger Berg (Eisenstadt) – 6,7 km Asphalt – Semperit-Rallye 1961 1966 bis 1968.

 

Bergprüfungen bei Rallyes – Semperit Rallye 1973 Mauro Pregliasco/Piero Sodano –  Silvretta

 

Leider ist das Bildmaterial eher dürftig, denn die angeführten Berge sind weit von Wien entfernt und die beiden „Hof-Fotografen“ des österreichischen Motorsports Artur Fenzlau und Erwin Jellinek scheuten ab Mitte der 1960er-Jahre die weiten Reisen in die westlichen Bundesländer. Stotzinger Berg und Forchtenstein ja, Seiberer eher nein, weil immer frühmorgens zu fahren, aber sonst nur in Ausnahmefällen (z.B. Glockner nach der SP 1966).

So ist dieser Rückblick ein rein nostalgischer, denn sowohl die Straßen als auch die Bewerbe haben sich so geändert, dass sich heute keine Ähnlichkeiten mit den motorisierten Bergsteigern aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert mehr erkennen lassen. Die Herausforderung der Frühzeit – das „Erklimmen“ der Berge – wurde durch die technische Entwicklung für alle Fahrzeuge leichter, bergauf waren bald fast alle gleich schnell. Daher ging’s auch bald „bergab“, wo sich dann die Männer von den Knaben unterschieden, als Fahrkönnen und technische Konzeption der Fahrzeuge wieder mehr zählten als schiere Motorleistung.

Und Lancia auf den österreichischen Bergen? Kaum erwähnenswert, von der geringen Anzahl der Starts bis zu den eher dürftigen Ergebnissen. Ich habe ab 2004 in mehreren Artikeln bei lancianews über die österreichischen Rallyes und die Lancia-Platzierungen berichtet, bringe hier einige der „buntesten“ Bilder, alle natürlich in s/w.

 

E. Marquart / 9.2020

Das Fotomaterial stammt aus den Nachlässen Artur Fenzlau und Erwin Jellinek, die im Technischen Museum Wien online zur Verfügung stehen. Das Foto von der Semperit-Rallye 1973 stammt aus dem Archiv Thomas Popper.

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