Bekanntlich entwickelt man zu Fahrzeugen, die irgendwann einmal in der Familie waren, eine ganz besondere Beziehung. Der erste Käfer, Vaters Alfa – oder eben Großvaters Lancia Augusta, um die es hier geht.
Mein Vater wurde Ende der 1920er-Jahre in Triest geboren, als Kind triestinischer – sagen wir ruhig: mehr österreichischer – Eltern. Daher fuhren wir in meiner Kindheit in den Sechzigern mehrmals im Jahr von Wien nach Triest, um seine Geburtsstadt und die Verwandten zu besuchen. Diese Fahrten waren… nun ja: sportlich.
- Neunkirchner Allee: Vollgas
- Nach Judenburg die Gerade: Vollgas.
- Eigentlich alles Vollgas – alles, was der Alfa hergegeben hat. Denn der Schnitt musste gehalten werden! Lulu und Jause nur an fix definierten Stellen, getankt wurde nach Zeitplan. Und wenn jemand musste: „Kann man auch in die Flasche machen, du Flasche!“
Für mich als Kind war das schnell, aufregend und ein bisschen verrückt. Aber es gab auch Momente, in denen mein Vater kurz vom Zwischengas und dem durchgestreckten Fuß abließ und etwas erzählte.
Eine dieser Stellen lag hinter Monfalcone: das Mahnmal der dritten italienischen Armee – zwei Wölfe. Dort hatten sich im Ersten Weltkrieg italienische Truppen unter unsäglichen Verlusten gegen die ebenso verbissen verteidigenden Österreicher den Hügel hinaufgekämpft.
Und genau an dieser Stelle, so erzählte mein Vater, wurde 1945 auf der Flucht die Lancia Augusta meiner Familie zerschossen und brennend zurückgelassen.
Aha. Also: Die Familie hatte ein Auto gehabt. Einen Lancia. Und sogar einen Namen: „Augusta“. Das war für mich als Bub schon etwas Besonderes. Bei meiner Mutter war das anders – dort ist man auf die Straße gelaufen, wenn ein Auto kam: „Schauen!!!“
Für mich war klar: Das musste ich herausfinden. Sehr zum Leidwesen meines Vaters, den ich so lange genervt habe, bis ich alles wusste.
Mein Großvater war für damalige Verhältnisse ein großer Mann – 1,86 Meter, ein klassischer „Lulatsch“ mit entsprechend großen Füßen. Als er 1914 eingezogen wurde, gab es bei der k.u.k.-Armee weder passende Uniformen noch Marschstiefel in Größe 46.
Die Lösung war pragmatisch: „Den machen wir zum Offiziersburschen.“ Sollen sich doch die edlen Kavallerie-Wichtigtuer darum kümmern, ihn ordentlich auszustatten.
Das Problem: Die schneidigen Offiziere wurden im ersten Kriegsjahr reihenweise von russischen Maschinengewehren vom Pferd geschossen. So stand mein Großvater im zweiten Kriegsjahr – nach drei tapferen aber durchaus toten Oberleutnants, einer kleinen Besichtigungstour durch Galizien und Karpaten – überraschend lebendig und gesund, aber weiterhin ohne ordentliche Schuhe, in Latschen“ und zu kurzer Hose da.
Irgendjemand im Kriegsministerium hatte schließlich eine Idee: „In Russland bekommt der sicher keine Schuhe mehr. Schicken wir ihn zu den Seefliegern. Die sterben nicht so schnell. Und als großer Mann sieht er früher, wenn sein Offizier mit Flugzeug vom Einsatz übers Meer zurückkommt.“
So kam es, dass mein Großvater Offiziersbursche bei dem Leiter der Seeflugstation in Triest wurde – dem erfolgreichsten Seeflieger der k.u.k.-Armee und später letzten Träger des Maria-Theresien-Ordens.
Ob er dort endlich passende Schuhe bekam, weiß ich nicht. Aber immerhin blieb er bis Kriegsende am Leben – was schon Leistung genug war.
Als Offiziersbursche hatte er genug zu tun. Unter anderem war ein Auftrag, Möbel für die Messe der Seeflugstation zu besorgen. Und zwar bei einer Firma, die auch für das“ Stabilimento Tecnico Triestino“ – damals die größte Werft in Triest – Schiffsmöbel herstellte.
Dort traf er auf eine „überwuzzelte Dame“ – also unverheiratet und mit 27 noch kinderlos, was damals offenbar ein Problem war. Sie war Oberbuchhalterin (heute würde man CFO sagen) und de facto Chefin, weil der eigentliche Chef im Krieg war.
Diese Dame erklärte ihm ziemlich resolut: „Wenn Sie etwas für einen Helden kaufen wollen, dann bitte gleich zahlen – die sind meist vor der Zahlungsfrist tot.“
Das dürfte Eindruck (auf ihn) gemacht haben. – Er hat sie geheiratet.
Nach dem Krieg war mein Großvater als Ehemann einer Triestinerin rasch wieder in Triest und fand eine Stelle in der Schifffahrtsgesellschaft seines ehemaligen Offiziers. Später wechselte er zum Lloyd Adriatico und wurde Leiter der Levante-Abteilung.
Wenn ihr heute im Café degli Specchi am Hauptplatz sitzt und auf das Lloyd-Gebäude schaut: Zählt zwei Fensterreihen vom Dach nach unten – fünf Fenster von der linken Kante, das war seine Abteilung.
Und wie das so ist: Als Abteilungsleiter, verheiratet mit einer noch mehr überwuzzelten Dame, die – völlig untypisch für die damalige Zeit – weiterhin als Leiterin der Buchhaltung arbeitete, konnte man sich etwas leisten.
Man gehörte zu den „besseren Leuten“: mit Putzfrau, Köchin, Kindermädchen, Seidenstrümpfen, großer Wohnung mit Meerblick und gesellschaftlichen Verpflichtungen.
Also brauchte man natürlich auch ein Auto. U. a. für die Fahrt ins feine Bad nach Sistiana.
Wieder half der Alte, sein alter WK 1-Freund, der meinem Großvater 1936 eine gebrauchte Lancia Augusta aus seinem Unternehmen vermittelte. Dunkelblau mit schwarzen Kotflügeln – genauso wie meine Augusta, die ich fast 80 Jahre später kaufen konnte.
Ein kleines Problem gab es allerdings: Weder mein Großvater noch meine Großmutter konnten Auto fahren. Die Lösung war ebenso einfach wie kreativ: Meine Großmutter ließ ihrem Bruder einen ordentlichen Anzug schneidern und setzte ihm eine „Prinz-Heinrich-Kappe“ auf. Fertig war der Chauffeur.
Mein Vater erzählte, dass vereinbart war: Der Onkel fährt die Familie am Vormittag ins Bad und holt sie gegen 16 Uhr wieder ab. Dazwischen stand ihm die Lancia zur freien Verfügung.
Die Realität sah anders aus.
Der gute Onkel setzte sich in Sistiana einfach in ein Restaurant und verbrachte den gesamten Tag mit Essen und Trinken – bis vier Uhr nachmittags. Dann fuhr er die Familie, leicht angeschwipst, aber durchaus schneidig, wieder nach Hause nach Triest.
Der Grund dürfte seine Frau gewesen sein – eine echte „Bißgurn vor dem Herrn“ (**), wie man so schön sagt. Und er war wohl ganz froh, einmal nicht unter ihrem Pantoffel zu stehen.
Hier könnte die Geschichte eigentlich enden. Tut sie aber nicht.
Irgendwann machte mein Großvater selbst den Führerschein und behielt die Augusta bis 1945. Warum sie nicht beschlagnahmt wurde und meine Familie damit fliehen konnte, möchte ich ehrlich gesagt gar nicht so genau wissen.
Fakt ist: Kurz vor der Besetzung von Triest verließ die Familie gemeinsam mit Freunden in der Lancia die Stadt. Beim Mahnmal der dritten italienischen Armee wurden sie von Tito-Partisanen angegriffen.
Im Zuge der Kampfhandlungen wurde die Augusta in Brand geschossen. Meine Großmutter wurde schwer verletzt. Mein Vater erhielt im Kolonnenschutz eingesetzt, für die Verteidigung das EK II.
Die Flucht gelang schließlich ohne Auto – zunächst nach Griffen in Kärnten, später nach Wien.
Meinen Großvater hat seinen alten Freund nie wieder gesehen.
Mein Vater hingegen traf ihn elf Jahre später auf seiner Hochzeitsreise – mit Vespa – und überraschend mit meiner Mama.
Von unserer Lancia fehlt bis heute jede Spur.
Thomas Ceschka / 4.2026
(*) Tipo 231/231L Augusta
Motor V4 Zylinder 18 Grad, 1.196 ccm, 35 PS bei 4.000 U/min
Getriebe 4-Gang, synchronisiert ab 3. Gang, Freilauf
Front Sliding Pillar, Heck Blattfedern
Radstand 2.650 mm
Länge 4.000 mm, Breite 1.450 mm, Gewicht 830 kg
Spitze 102 km/h
Produktion 14.103 Berlina, 1933 bis 1934.
(**) Bißgurn = zänkisches Weib, Xanthippe (mhd bissige gurra = Stute. Peter Wehle, Sprechen Sie Wienerisch? Seite 102)









