Das, was ich schon lange befürchtet habe, ist im Februar 2026 leider eingetroffen. Sandro Munari ist nach langer schwerer Krankheit verstorben.
Mein letzter Kontakt mit ihm war 2017 bei einem Treffen in Italien von Lady Fulvia (Francesca Pasetti). Sandro war damals geistig abwesend und er konnte sich nicht mehr an unsere gemeinsame Fahrt bei der Historischen 1000 Minuten Rallye 2000 erinnern. In den Jahren danach dürfte es immer schlechter geworden sein und mein Beifahrer Daniele Audetto bei der Ennstal Classic, der mit der Familie Munari gut befreundet ist, hat Munaris Frau Flavia regelmäßig Fotos und Grüße per What‘s App geschickt. Ich glaube, er hat nichts davon mitbekommen. Es ist natürlich traurig, wenn einem so eine grausige Krankheit erwischt und man dadurch keinerlei Erinnerung an die Vergangenheit hat.
Sandro habe ich 1971 anlässlich der 1000 Minuten Rallye kennen gelernt. Im Gegensatz zu Mario Mannucci, seinem Beifahrer, war Munari sehr introvertiert. Er vermied jeglichen Kontakt mit nicht italienischen Menschen und schottete sich, wo es nur möglich war, ab. Anderseits gab es ein sehr lustiges Erlebnis vor dem Start zur Rallye beim Donauturm. Die Werkstätte von der Firma Obrecht in Wien 15., war der Treffpunkt aller anderen Werks-Fulvias, die für den Scheinstart nach Wien gekommen waren. Wir mussten am Freitagnachmittag über den Gürtel bei Stoßverkehr zur Abnahme zum Donauturm fahren. Der Verkehr war auch schon 1971 am Gürtel sehr intensiv, sodass wir (vier Rallye-Fulvias) befürchteten, zu spät die Abnahme zu erreichen. Munari übernahm das Kommando, mit mir am Beifahrersitz, und fuhr als Leithammel locker auf den Gehsteigen den fast kompletten Gürtel entlang, nur um rechtzeitig zur Abnahme zu kommen. Sie müssen sich vorstellen vier plärrende Ungetüme, sprich Gruppe-4-Fulvias, am Freitagnachmittag im Stoßverkehr über den Gürtel. Ob Anzeigen nach Italien kamen, ist mir nicht bekannt. Das nächste Hindernis war die Abnahme. Drei der vier Fulvias hatten keinen Feuerlöscher an Bord (es waren ja nur drei Mulettos = Trainingsautos). So wurde nach der Abnahme einer jeden Fulvia der Feuerlöscher unter dem Anorak zum nächsten Auto geschmuggelt. Für nicht Eingeweihte ist dazu folgendes zu berichten. Um für die Klasse der Gruppe 4 die vollen Punkte zu bekommen, mussten fünf Autos dieser Klasse am Start sein. Darum hat Lancia zusätzlich zu Munari Amilcare Balestrieri, Sergio Barbasio und meine Wenigkeit (mit Daniele Audetto als Beifahrer) über die Startlinie fahren lassen, um sicher zu gehen, dass es die vollen Punkte gibt. Nach dem Start fuhren Ballestrieri und Barbasio zurück nach Italien und ich übergab an der nächsten Tankstelle die Fulvia einem Mechaniker der Servicemannschaft von Munari. Natürlich gewannen Munari/Mannucci diese Rallye überlegen.
Meine nächste Begegnung mit Munari war dann 1973 am Vorabend der nicht stattgefundenen 1000 Minuten Rallye. Da ein unwilliger österreichischer Beamter nicht wollte, dass am Freitag um 18 Uhr an die fünfzig Rallyeautos wenige Kilometer zivil durch Wien nach Niederösterreich fahren, hat er das einfach verboten und so wurde die 1000 Minuten Rallye 1973 einfach buchstäblich in der letzten Minute abgesagt. Das Problem war, dass Lancia mit seiner kompletten Servicemannschaft und dem Rallyeauto schon seit zwei Tagen in Wien weilte. Munari kam am Donnerstagnachmittag mit Mario Mannucci mit dem Flieger nach Wien. Er fuhr zu diesem Zeitpunkt die Rallye „Giro di Italia“ mit einem Stratos. Munari unterbrach die Veranstaltung in Italien, um an der Rallye in Österreich teilzunehmen. (Bei dem Giro waren immer zwei „Einser-Piloten“ pro Fahrzeug mit einem Beifahrer im Auto).
Am Donnerstagabend fuhren Audetto, Munari, Mannucci und ich in das Büro des RRC 13, um die neuesten Nachrichten zu erfahren und die waren nicht erfreulich. Absage der Rallye. Sandro war mehr als erbost – zurück in die Werkstätte, Gepäck in das Einsatzauto und mit Vollgas zurück nach Italien.
Das nächste Treffen war 1976 in Portugal. Munari und Raffaele Pinto waren mit Stratos unterwegs. Ich habe damals Franz Wittmann und Georg Fischer betreut. Da wir wesentlich höhere Starnummern als die beiden Stratos hatten, nutzte ich die Freundschaft mit den Lancia-Mechanikern aus und, wo es möglich war, hatten wir die Serviceplätze nebeneinander. Es schneite und regnete immer wieder. Bei einer dieser Servicestationen kam Munari zum Service und beim Aussteigen zogen die Mechaniker Munari Plastikschuhe über die Rennschuhe. Ein eigener Helfer hielt den Schirm, ein weiterer servierte Brötchen und warmen Tee und ein Masseur bearbeitet den Rücken und die Schultern vom Maestro. Nach getaner Arbeit und fertiger Speis stieg Munari wieder in den Stratos, die Plastikschuhe wurden ihm abgenommen und mit Vollgas ging es weiter.
Für mich war der Vorteil desselben Serviceplatzes, dass die Lancia-Mechaniker, von denen ich die meisten bei ihren Einsätzen in Österreich kannte, uns einen Teil unserer Arbeit, weil ihnen fad war, abnahmen. Natürlich hat Sandro überlegen gewonnen und es gab im Casino von Estoril eine fulminante Siegerehrung.
Dann war lange Zeit Pause bis in das Jahr 2000. Der Wiener Stratos-Sammler Ernst Hrabalek veranstaltete ein internationales Stratos-Treffen auf der Rosenburg in Niederösterreich. Ich hatte die ehrenvolle Aufgabe und durfte Munari und den Designchef von Lancia Mike Robinson vom Flughafen in Wien abholen und auf die Rosenburg bringen. Da war Munari schon sehr locker. Er sprach mehr als in den letzten Jahren. Auf der Rosenburg angekommen standen schon ungefähr 15 Stratos im Burginnenhof und unter anderen das Auto von Simo Lampinen von der Safari-Rally 1976. Ein motorisch seltenes Auto. Das Reglement erlaubte einen Vierventilkopf. Der Stratos hatte ca. 270 PS und war für die Safari auf ca.170 km/h übersetzt. Das Übergeile war dann noch, dass der Stratos mit einem Rennauspuff bestückt war. Munari wollte natürlich mit dem Stratos eine Runde drehen. Ich hatte die Ehre und Sandro fuhr (ich daneben, mehr als ehrfurchtsvoll) den Berg zur Rosenburg hinauf. Laut und schnell bewegte der Meister den Stratos. Es war ein unvergessliches Vergnügen.
Aber das sollte nicht das einzige Erlebnis in diesem Jahr bleiben. Während des kurzen Aufenthaltes von Munari in Österreich fasste ich meinen ganzen Mut zusammen und zeigte Munari ein Foto von meiner Fulvia. Seine Antwort war „Bella Maccina“ und gleichzeitig kam von mir wie aus der Pistole geschossen die Frage, ob er nicht mit meiner Fulvia 1,6 HF an der Historischen 1000 Minuten Rallye teilnehmen möchte. Zu meiner Überraschung sagte Munari „Ja ich komme nach Österreich“. Diese Antwort war wie Weihnachten und Ostern gemeinsam. Die Vorfreude war natürlich riesengroß, aber es sollte noch ein Hindernis auf mich zukommen. Zwei Wochen vor der Veranstaltung rief mich Sandro an und teilte mir mit, dass er normalerweise für so ein Event 10.000,- DM verlangt. Ich habe dann alle Hebel in Bewegung gesetzt und mit Hilfe der Firmen Castrol und Lancia Österreich den Betrag zusammen bekommen.
Das Bangen, ob Munari wirklich nach Wien kommt, war groß. Am Freitag vor der Veranstaltung stand ich mit weichen Knien am Flughafen und wartete. Wirklich Munari kam pünktlich aus Bologna nach Wien. Ab in das Auto, nach Hause Claire (meine Frau) abholen und mit Munari und meiner Fulvia nach Krems abdüsen. In Krems angekommen, im Hotel eingecheckt, eine Kleinigkeit gegessen und ab zur Abnahme, wo schon einige Fans auf Sandro warteten. Rennleiter Kurt Sassarak hatte ein kleines Geschenk für Sandro hergerichtet: Sämtliche Zeitungsausschnitte aus dem Jahre 1971 mit Resultaten und SP-Zeiten wurde Sandro überreicht. Darüber hat er sich sehr gefreut.
Am Nachmittag fuhren wir ein paar Kilometer, damit Munari meine Fulvia ein wenig kennen lernt. Gegen 17 Uhr gab es dann die erste Sonderprüfung in Stadtzentrum von Krems. Es ging mehr schlecht als recht, unsere Koordination war nicht optimal und so landeten wir im hinteren Feld.
Am Abend saßen eine nette Runde von lauter Fulvia-Besitzern beim Abendessen in einem Kremser Restaurant und ließen den Abend ausklingen. Am ersten richtigen Fahrtag, gespickt mit vielen Schnittprüfungen, kamen wir besser zurecht. Durch meinen Schnitzer am Rundkurs war dann das Gesamtergebnis nur der Dreiundzwanzigste Platz.
Am zweiten Tag, Munari war sehr locker und teilweise auch witzig, fuhren wir durch den Dunkelsteinerwald. Es war eine feuchte und kurvenreiche Straße. Da sagte Sandro zu mir: „Ist fast so wie in Korsika – immer feucht und sehr rutschig“. In meinem Übermut sagte ich zu Sandro „Und wie bist Du dort gefahren“. Das war wie ein Stichwort für ihn. Plötzlich ging es hurtig dahin. Ich konnte mich nicht mehr auf die Straße konzentrieren, da ich von der „Fußarbeit“ meines Fahrers fasziniert war. Es war wie ein Orgelspieler, der auf den Pedalen tanzt. Es war mehr als spielerisch, meine verehrten Leser, die Fulvia tänzelte auf dem nassen Asphalt nur so dahin und man hätte daneben die „Kronenzeitung“ lesen können und dabei nichts mitbekommen, wie das Auto durch die Kurven gleitet und rutscht. Jetzt war mir klar, warum dieser Mann die Rallye Monte-Carlo viermal gewonnen hat. Es gab keine hektischen Bewegungen hinter dem Lenkrad. Alles schaute so leicht und spielerisch aus und das über einige Kilometer. Nach einiger Zeit stand Manfred Kubik am Straßenrand mit seinem Porsche (er war damals Fahrtleiter der Rallye) und versuchte, uns bergab nachzufahren, was ihm nur mit großer Mühe gelang. Auch er war fasziniert von Munaris Fahrweise.
Sandro und ich verstanden uns immer besser (ich könnte von seinem Fahrstil noch einige Geschichten erzählen) und so arbeiteten wir uns im Gesamtklassement immer weiter vor. Zwischendurch erzählte mir Munari einige Geschichten aus seinem langen Leben mit den Fulvias.
Am zweiten Fahrtag erreichten wir den zweiten Platz im Gesamtklassement und das Ergebnis aus beiden Fahrtagen war ein 13. Platz im Gesamtklassement. Für unsere erste gemeinsame (leider die einzige) Oldtimerrallye kein schlechter Platz.
Ich habe dann noch versucht, Sandro für die Ennstal Classic zu gewinnen, aber das ging bei ihm beruflichen Gründen nicht aus. Sandro hatte von Lancia zu seinem Abschied eine Obst Farm geschenkt bekommen. Im Juli gibt es in Italien die Pfirsichernte und da hatte Munari fast zweihundert Erntehelfer beschäftigt. Dadurch war er leider unabkömmlich in Italien.
Das waren im Großen und Ganzen meine Erlebnisse mit Sandro Munari, die ich nicht missen möchte. Obwohl er, so komisch es klingt, ein sehr schüchterner Mensch war, aber in Italien wie ein Gott verehrt wurde, war er trotzdem ein bescheidener und liebenswerter Mensch.
Helmut J. Neverla /3.2026








