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Mystisches Waldviertel

Zurückgeblieben oder vorausblickend?

Die Rallyeweltmeisterschaft WRC boomt – doch mit Rallye hat sie nur noch durch zufällige Namensähnlichkeit zu tun. Steriles „Im-Kreis-Fahren“, Grand-Prix-Atmosphäre ohne Anspruch auf Erfüllung der Kriterien, die eine Rallye ausmachen. Historisch gesehen entwickelte sich dieser Sport von Zuverlässigkeitsprüfungen (weite Strecken, unterschiedliche Rahmenbedingungen) zu selektiven, kombinierten Prüfungen (Zuverlässigkeit + Geschwindigkeit) zu reinen Geschwindigkeitsprüfungen „ohne“ Zuverlässigkeit, die „zufällig“ nicht auf Grand-Prix-Strecken gefahren werden. Das „Race of the Champions“ in Paris ist bereits der letzte Schritt – Rallye im Stadion. Wo bleiben die unterschiedlichen Rahmenbedingungen, Dauerbelastungen? In den Köpfen der Zurückgebliebenen?

Der „Sport“ mit historischen Fahrzeugen mit Gleichmäßigkeitsprüfungen boomt unter dem Motto „Jedem Fremdenverkehrsverband seine Oldtimer-Rallye“. Die Veranstaltungskalender sind vollgestopft, in Österreich kann man von April bis Oktober jedes Wochenende seinen „Oldtimer“ mehr oder weniger sportlich bewegen. Aber fast nur ganz gleichmäßig – ein netter Zurückgebliebener nennt dies „gleichgültig“ – ähnlich wie bei einem Air-Restictor bei Rennmotoren werden alle Drehzahlen über 2.000 U/min und Geschwindigkeiten über 49,9 km/h weggefiltert. Wieso nennen sich dann viele dieser Veranstaltungen eigentlich Rallye? Nutzen eines bekannten Begriffes für einen nahezu bis zur Unkenntlichkeit veränderten Typ von Automobilsport? Diese Modifikation hat auch Teilnehmer, Fahrzeuge und Strecken deutlich geprägt – von den Anforderungen der selektiven, kombinierten Prüfungen sind die Veranstaltunger zu „gedrosselten“ Ausfahrten in touristisch interessanter Umgebung mit sterilen, austauschbaren 1/100-Sekunden-Klaubereien (Originalton Walter Röhrl „Tipferlscheißen“) geworden. Das Idealfahrzeug hat einen 8 Zylindermotor, 4 Liter Hubraum, 300 PS und ist je nach Frischluftbedarf des Fahrers Cabrio oder Coupé, Limousinen werden seltener, Rallyefahrzeuge sind eher die Ausnahme. Von Sponsoring-Ort zu Sponsoring-Ort zieht die Karawane, zwar noch nicht im Kreis wie die WRC, aber viel fehlt nicht mehr. Wo bleiben die unterschiedlichen Rahmenbedingungen, Dauerbelastungen? In den Köpfen der Zurückgebliebenen?

Rallye: Ysper - Gasthof 3 Hacken als Start- und Zielort, Hauptquartier
Ysper – Gasthof 3 Hacken als Start- und Zielort, Hauptquartier

Nach dieser Situationsbeschreibung zur Eingangsfrage bzw. zur Erzählung über ein Zusammentreffen von Zurückgebliebenen, die den Rallyesport und Rallyegedanken weder bei der WRC oder heimischen Rallyemeisterschaft (aktuelle oder historische Fahrzeuge) noch bei den Gleichgültigkeitsbewerben finden. Es gibt seit ungefähr drei Jahren einige „alternative“ Bewerbe in Salzburg und Niederösterreich, die sich nicht in das Schema der Gleichgültigkeit pressen lassen wollen. Dass die absolute Geschwindigkeit nicht ausschließliches Kriterium sein kann, ist diesen Veranstaltern klar. Muss es aber immer ein Roadbook mit Wegvorgabe auf Meter genau sein? Müssen alle Kriterien vorgekaut sein und additiv erfüllt werden? Müssen es immer Straßen mit Autobahnqualität sein? Muss es immer heller Tag sein?

Die klassischen Rallyes schrieben die Strecke von A nach B nach C usw. vor, nur wenige Passierkontrollen überprüften die Einhaltung, manche davon geheim. Kartenlesen und Vorbereitung war sinnvoll, gefundene Abschneider eher ein Zeichen der Qualität als des „Betruges“. Zeitweise war auch Taktik gefragt, wo man abwägen musste, ob man alle Kriterien in der vorgegeben Zeit erfüllen kann (Wintertourenfahrt des ÖAMTC). Über die Sinnhaftigkeit von Dauerbelastungen kann man sicher diskutieren – Spa-Sofia-Liége bis 1964 war sicher der nicht sehr sinnvolle Höhepunkt – aber alle zwei Stunden Kaffee und Kuchen reichen und um 16:30 Uhr den automobilen Schatz in der Hotelgarage abstellen, sind keine Belastungen.

Auf der geräumten Autobahn kann jeder fahren!
Auf der geräumten Autobahn kann jeder fahren!

Letztes Wochenende war ich mit dem oben zitierten „Gleichgültigkeitsfanatiker“ im Waldviertel, wo im Oldtimersport Aktive, die bereits mehrere Male über die Grenzen Österreichs geblickt haben, einen kleinen (16 Teilnehmer) Kreis von (Rallye)Freunden zu einer Ausfahrt der anderen, vielleicht beispielhaften Art eingeladen hatte. Es war tiefer Winter, die Straßen waren ausreichend geräumt – die Waldviertler kamen sich nicht von der Außenwelt abgeschlossen vor – und wir fuhren in der Nacht zum Samstag ab 22:00 Uhr vier Etappen über insgesamt 75 Kilometer mit Schnitten deutlich unter 50 km/h nach einem Roadbook. Die Einhaltung der Strecke wurde durch Zeit- und Passierkontrollen sowie „Stumme Wächter“ und Stempelkontrollen überprüft. Das Reglement sah unterschiedlich hohe Bewertungen für die Nichterfüllung der Vorgaben vor, man konnte also selbst entscheiden, ob man akribisch nach Stempelkontrollen oder Wächtern suchte und dabei möglicherweise die nächste Zeitkontrolle zu spät erreichte, oder die Etappenzeit als Bibel sah. Um 23:30 Uhr saßen wir wieder im gemütlichen Gasthaus und erzählten uns von Fehlern, Ausrutschern und vor allem vom herrlichen Autofahren „diesseits“ der StVO-Bestimmung. Denn bei tiefer Schneefahrbahn, spiegelndem Eis lag die absolute Geschwindigkeit so deutlich unter 50 km/h Schnitt, dass sicher nicht von  krimineller Fahrweise gesprochen werden konnte.

Am nächsten Vormittag ging’s weiter, vier Etappen mit insgesamt 230 km – für ein Mittagessen war ausreichend Zeit – eine Etappe mit Roadbook, drei mit Karten 1:50:000 mit markierten, anzufahrenden Orten – wieder Überwachung durch die bereits erwähnten Methoden – waren zu fahren. Unterschiedliche Länge der Etappen, geschickte Platzierung der zu durchfahrenden Orte beschäftigen die Teams ausreichend. Jeder füllte fleißig sein Säckchen mit fehlenden Kontrollen, Verspätungen, sodass erst am Ziel zusammengezählt werden konnte. Auch die Sieger hatten nicht alle Aufgaben fehlerlos erfüllt, doch das spielte keine Rolle – der Fahrspaß für alle, die Bewältigung einer komplexen, nicht vorgekauten Gesamtaufgabe waren maßgebend. Es gab auch keine „geschmackvollen“ Pokale und Preise sondern nur den Wanderpokal für den Gesamtsieger, der übrigens im Salzburger Land blieb.

Warum nun die Fragestellung „zurückgeblieben oder vorausschauend“? Die prinzipielle Konzeption des Rallyesports – unterschiedliche Rahmenbedingungen, unterschiedliche Selektionen durch Vorgabendefinition und Überwachung – mag zurückgeblieben, nostalgisch wirken. Doch die zunehmende Kastrierung durch Gleichgültigkeit schließt bereits kurzfristig einen bunten, engagierten und vorzeigbaren Kundenkreis – die Rallyebegeisterten mit ihren attraktiven Fahrzeugen – für die Veranstalter von Oldtimerbewerben aus – eine Veranstaltung muss ja nicht für alle möglichen Teilnehmer interessant sein, wenn sie ein bestimmtes, selbstgewolltes Profil hat, wird sie sich durchsetzen. Marketinggetriebene Ausfahrten für teure, nicht mehr junge Automobile mögen andere in traditioneller Weise weiter machen, im Waldviertel schaute man bereits nach der Meinung eine größer werdenden Anzahl von Interessenten voraus!

Rallye: Autos bei der winterlichen Ausfahrt

Anfragen und Anregungen nimmt Andreas Starkmann, 3683 Ysper 24 telefonisch unter ++43 7415 72160 oder elektronisch unter info@dreihacken.at entgegen.

E. Marquart / 23.02.2006

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