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Reif für die Insel III

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Bei unserer Reise durch das westliche Mittelmeer – „island hopping for rally cars“ – kommen wir nun nach Sizilien und Elba zur dritten Insel: Sardinien. Im Motorsport weitgehend unbekannt, weil eher abgelegen und nur wenige Male Austragungsort von Rallyes – von 1957 bis 1968 und später (ersatzweise) in der WRC-Zeit.

Im Zusammenhang mit der Lancia-Sportgeschichte werden die Bewerbe auf Sardinien eher nur der Vollständigkeit halber in den Ergebnislisten angeführt, denn die Bedeutung blieb stets nur eine lokale trotz des Meisterschaftsstatus ab 1964. Und schon nach dem Jahr 1968 gab es die Rallye nicht mehr.

Reif für die dritte Insel

Dafür gibt es ein umfangreiches Buch über die Geschichte der zwölf Veranstaltungen mit nahe allen Details von Ausschreibung bis zu Zeitungsberichten, eine Freude für den Historiker, der 50 Jahre nach der letzten Rallye recherchieren will:

Nello Alfano, Il Rallye della Sardegna 1957 – 1968, 2012, Serra Editore, Narcao

Über einige der italienischen Rallyes gibt es Literatur (Sanremo, San Martino di Castrozza, Alpi Orientali, 4 Regione, Lana, San Marino), aber nur Nello Alfano hat sich die Mühe gemacht auf 525 Seiten wirklich alles Wissenswertes chronologisch zusammenzustellen. Auch die bei den italienischen und französischen Rallyes oft dargestellten Höhenprofile der zu fahrenden Straßen werden präsentiert. Die Rallye hatte bis 1968 eine Handicap-Wertung, welche die Chancengleichheit zwischen Kategorien und Klassen herstellen sollte, zwischen Serienfahrzeugen (Gruppe 1) und den verbesserten Tourenwagen (Gruppe 2) und GT unterschied sowie Hubraum und Gewicht des Fahrzeuges berücksichtigte. So waren z.B. 1968 Ballestrieri/Audetto mit der Gruppe 2-Fulvia bei 13 Sonderprüfungen und crono settori neun Mal die Schnellsten, wurden aber nur abgeschlagene Dritte hinter zwei Gruppe 1-Fahrzeugen.

Rallye della Sardegna

Zu erwähnen ist, dass ab 1958 stets Preisgelder ausgeschrieben wurden: 1958 5,000.000 Lire, 1959 3,250.000 Lire, 1960 2,825.000 Lire, 1962 3,235.000 Lire, 1963 8,300.000 Lire, 1964 3,250.000 Lire, 1965 3,750.000 Lire, 1966 3,320.000 Lire, 1967 3,000.000 Lire und 1968 3.200.000 Lire – das Nenngeld lag in den Jahren zwischen 7.000 und 25.000 Lire.

Am 30. November 1957 wurde die 1. Rallye della Sardegna gestartet, 35 Teams hatten genannt, darunter vier Appias und zwei Aurelias 1900 aus Cagliari. Dabei mit Nummer 46 Mario Casula auf Appia, der auf Platz 15 gewertet wurde. Wir werden ihn bis 1968 jedes prominent finden.

Rallye della Sardegna 1958 – M. Casula Ardea

Die 2. Rallye della Sardegna fand am 10. und 11. Mai 1958 statt, es waren in zwei Etappen 909 km mit je einer Geschwindigkeits-, Gleichmäßigkeits- und Beschleunigungsprüfung zurückzulegen. In der Startliste standen 86 Namen, sauber eingeteilt nach Kategorie und Klasse – allerdings ohne Angabe des Fahrzeuges! 44 Teams wurden im Ziel klassiert, darunter zwei Appias, eine Ardea und zwei Aurelias – Mario Casula wurde auf der Ardea 28.

Rallye della Sardegna 1959 – M. Casula auf Appia S1

Vom 9. bis 12. Mai 1959 fand die 3. Rallye della Sardegna statt. Zwei Etappen mit 941,2 km waren zu fahren, darunter je eine Berg-, eine Gleichmäßigkeits- und eine Beschleunigungsprüfung. 86 Nennungen, davon nur eine Appia S1 mit Mario Casula/Tonino Casulla und eine Aurelia GT. Es gab Auswertungsprobleme, sodass nach Anrufung der Sportbehörden ein summarisches Klassement erstellt wurde, in welchem die einsame Aurelia auf dem letzten Platz gereiht wurde.

Rallye della Sardegna 1960 – M. Casula auf Appia S2

Die 4. Rallye della Sardegna fand vom 13. bis 15. Mai 1960 statt. In drei Etappen waren vom Start in Cagliari in Summe 1.159 km zurückzulegen, zusätzlich waren mehrere Berg-, Geschwindigkeits-, Gleichmäßigkeits- und Brems-Beschleunigungsprüfungen zu fahren. Die Nennungsliste umfasste 55 Teams, darunter zwei Appias und eine Appia Zagato. Ins Ziel kamen 39 Fahrzeuge, die Zagato auf Platz 16, Mario Casula auf Platz 25 und die dritte Appia als 37.

Rallye della Sardegna 1962 – M. Casula auf Appia S3

1961 standen 67 Fahrzeuge in sechs Klassen in der Nennungsliste, darunter vier Appias. Leider sind in Alfanos Buch keine weiteren Details zum Bewerb angeführt, 493 km waren zu fahren. 40 Teams erreichten das Ziel, Mario Casula wurde mit der Appia Neunter, auf Platz 7 kam eine weitere Appia ins Ziel.

Die Unterlagen des Jahres 1962 sind vollständig: Am 12. und 13. Mai 1962 waren in zwei Etappen 772 km mit Geschwindigkeits-, Gleichmäßigkeitsprüfungen und Slaloms zu fahren. 53 Teams hatten genannt, darunter vier Appias als GT und verbesserte Tourenwagen bis 1.150 ccm. Tonino Casula wurde 7 auf der GT, Mario Casula 13., Giuseppe Piras 25. Ein gewisser Arnaldo Cavallari wurde mit Beifahrer Bagnasacco Klassenzweiter verbesserte Tourenwagen auf Alfa Romeo Giulietta TI.

Rallye della Sardegna 1963 – M. Casula auf Flavia Coupé 1,5

Vom 4. bis 6 Mai 1963 stand die 7. Rallye Internazionale della Sardegna mit Start in Cagliari im Sportkalender: 1.425 km mit fünf Sonderprüfungen auf Zeit über 27,7 km sowie sechs Gleichmäßigkeitsprüfungen über 70 km waren zurückzulegen. Die Nennungsliste umfasste 77 Fahrzeuge, darunter drei Flavia Coupés 1,5 l. Aus dem fernen Ausland kamen Walter Roser/Peter Lederer auf Österreich mit Steyr Puch 650 TR. Mario und Tonino Casula wurden auf einem Flavia Coupé mit Turiner Nummer Klassensieger und 5. Gesamt. Die ersten Plätze waren bereits mit prominenten Fahrern belegt: Prinoth, Cavallari, Roser, Frescobaldi F., Lipizer, Merzario usw.

Rallye della Sardegna 1964 – T. Casula auf Flavia Coupé 1,8

Die 8. Rallye Internazionale della Sardegna fand vom 13. bis 14. Juni 1964 statt. 66 Teams hatten genannt, ein einsames Flavia Coupé 1,8 mit Tonino Casula/Lipizer und eine Appia waren am Start, auch Walter Roser/Peter Lederer waren wieder gekommen – 1964 Platz 5, Sieger Arnaldo Cavallari mit Sandro Munari als Beifahrer auf Alfa Romeo Giulia Super, Platz 4 für die Flavia. Es waren auf den 963 km drei Bergprüfungen (13 km) und 12 Gleichmäßigkeitsprüfungen (78,7 km) zu fahren.

Rallye della Sardegna 1965 – Cavallari/Munari auf Alfa Romeo
Rallye della Sardegna 1965 – M. Casula auf Fulvia Berlina 2C

1965 waren von den 81 Mannschaften 1.277 km mit vier Geschwindigkeitsprüfungen (20 km) und 13 Gleichmäßigkeitsprüfungen (36 km) zurückzulegen. Es war das Jahr der Fulvia Berlina 2C: neun Berlinas (darunter Mario Casula) und zwei Flavia (Coupé und Zagato) sowie eine Flaminia starteten, Platz 2 für Cavallari/Munari auf Alfa Romeo Giulia Super, die Berlinas wurden dritte (Rallyemeister Enzo Martoni), vierte und sechste – die Handicapformel hatte zugeschlagen. Aber erstmals wurden getrennte Klassements für Geschwindigkeits- und Gleichmäßigkeitsprüfungen erstellt!

 

Rallye della Sardegna 1966 – M. Casula Fulvia Coupé Gr. 1
Rallye della Sardegna 1966 – Cella/Lombardini

Die 10. Rallye Automobilistico della Sardegna fand am 28. und 29. Juni 1966 statt: 1.438 km mit vier Geschwindigkeitsprüfungen (27 km) und 11 Gleichmäßigkeitsprüfungen (45,6 km) waren zu fahren. 40 Nennungen, darunter acht Fulvias (3 Coupés und fünf Coupés HF) sowie ein Flavia Coupé. Zwei Lancia-Werkswagen mit Leo Cella/Luciano Lombardini (HF TO 769486) und Mario Casula/C. Velari (Gruppe 1 TO 756710) landeten auf den Plätzen 2 und drei. Sieger wurden Orsini/Simonetti aus Korsika auf Renault R8 Gordini).

 

Rallye della Sardegna 1967 – Munari/Lombardini
Rallye della Sardegna 1967 – M. Casula auf 1,3 HF

Am 3. und 4. Juni 1967 wurde die 11. Rally Internazionale della Sardegna gefahren: 40 Mannschaften sollten 1.436 km mit fünf Geschwindigkeitsprüfungen (27 km) und 12 Gleichmäßigkeitsprüfungen (49,6 km) zurücklegen. Fünf Fulvia 1,3 HF mit folgender Besetzung starteten: Pettinaro/Spezziga, Mario Casula/Busulli (TO 859025), Leo Cella/Livia Cella (TO ??), Roberto Angiolini/Sergio Barbasio, Munari/Lombardini (TO 900050). Das Ergebnis: Munari vor Cella und Cavallari (Alfa GTA), Angiolini und Casula auf den Plätzen 5 und 6 – ein Lancia-Festival. Für Munari ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur italienischen Meisterschaft.

Rallye della Sardegna 1968 – Ballestrieri/Audetto
Rallye della Sardegna 1968 – Barbasio/Merlano 1,3 HF
Rallye della Sardegna 1968 – M. Casula 1,3 HF

Die 12. Rally Internazionale della Sardegna fand vom 4. bis 6. Oktober 1968 statt, hatte allerdings keine Meisterschaftsstati mehr wie in den Jahren 1963 bis 1967. 2.080 km ab und bis Cagliari mit 14 Sonderprüfungen über 100 km. 33 Nennungen, sieben Fulvia Coupés Gruppe 2 verbesserte Tourenwagen bis 1.300 ccm. Darunter Ballestrieri/Audetto (TO 970374), Mario Casula/Leone (TO 858491), Barbasio/Merlano (TO 970373) und vier weitere Fulvia HF). Es siegten wieder Gruppe-1-Autos (Fulvia) und Fiat 125 vor den Schnellsten Ballestrieri/Audetto, Barbasio/Merlano waren ausgeschieden.

Rallye della Sardegna 1963

1969 schien die Rallye della Sardegna nicht mehr im Sportkalender auf, die Gründe hat Aldo Seregni in „autoItaliana“ beschrieben: „Molte complicazioni in Sardegna per una gara potenzialmente valid“. Schlechte Straßen, unattraktive Sonderprüfungen und das Festhalten an der veralteten Handicap-Wertung, die jährlich modifiziert worden war, sowie die steigende Attraktivität der Dolomiten-Rallyes führten zum Ende der Veranstaltung auf der dritten Insel unserer Reise.

Dieser Rückblick ist etwas weniger bunt als die Berichte über andere Veranstaltungen, weil diese Rallye wohl wirklich nur regionale Bedeutung hatte, es nur wenige Informationen neben dem Buch von Nello Alfano gibt. Ich habe also in Wegelagerermanier das Buch geplündert, das nicht gerade billig war und natürlich vergriffen ist. Die Rallye della Sardegna scheint aus der Frühzeit des Rallyesport zu sein, für Privatfahrer gestaltet, überschaubare sportliche Anforderungen, ohne professionelle Betreuung.

Der abschließende Beitrag dieser kleinen Berichtsreihe führt uns auf kurzem Weg nach Norden – nach Korsika, wo ab 1957 eine typisch französische Asphaltrallye bis in die Jetztzeit durchgeführt wird, bei der Lancia ab 1963 mit großem Einsatz teilgenommen hat: die Tour de Corse Automobile.

 

E. Marquart / 4.2021

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