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No sports!

 

Ich bin mir nicht sicher, ob Vincenzo Lancia den viel zitierten Ausspruch von Winston Churchill – https://de.wikipedia.org/wiki/No_Sports – gekannt hat, er hat aber schon zu Beginn seiner Unternehmertätigkeit dem Sport ade gesagt. Offiziell nahmen zu seinen Lebzeiten keine Fahrzeuge der Firma Lancia an Motorsportbewerben teil. Was die Privatfahrer nicht hinderte, Erfolge auf Lancia-Fahrzeugen zu erringen.

Flaminia Coupé - Walter Radler Waldviertel 1965
Flaminia Coupé – Walter Radler/Kurt Sassarak Waldviertel 1965

Dann „passierte“ das „Unglück“, dass die Aurelia Anfang der 1950er-Jahre auf Anhieb in privaten Händen so erfolgreich waren, dass Gianni Lancia dem Prinzip des Vaters untreu wurde. Wohin das geführt hat, wissen wir, wobei nicht allein der Sport der „Grabstein“ für das Familienunternehmen war.

Flaminia Coupé - Giorgio Pianta 6 Stunden Nürburgring 1964
Flaminia Coupé – Giorgio Pianta 6 Stunden Nürburgring 1964

Was tun, wenn man trotzdem mit Lancia-Fahrzeugen Motorsport betreiben will? Und noch dazu der Sohn eines maßgebenden Mannes in der Führung der Firma Lancia ist? Ich will hier nicht die Geschichte der Wiederkehr des Motorsports bei Lancia erzählen, das ist schon in vielen Büchern kompetent beschrieben worden.

Flaminia Coupé - P.C. Blaimschein - Semperit-Rallye 1962
Flaminia Coupé – P.C. Blaimschein – Semperit-Rallye 1962

Um endlich zum Thema meines Artikels zu kommen, Cesare Fiorio hat die Wiederkehr des Sports mit Fahrzeugen begonnen, denen die Eignung für Sport nicht in die Wiege gelegt worden war, auch wenn es „sportliche“ Karosserievarianten der biederen Limousinen waren: Appia und Flaminia. Die Einsätze der Zagato-Versionen blieben auf wenige Bewerbe beschränkt, da die beschickten GT-Klassen waren nicht sehr publikumswirksam waren. Daher wurde mit Jänner 1962 das Flaminia Coupé Pininfarina als Tourenwagen bis 2.500 ccm homologiert!

Flaminia Coupé - 12 Stundenrennen Nürburgring 1962
Flaminia Coupé – 12 Stundenrennen Nürburgring 1962

[Dante Marengo, Pietro Facetti, Mario Angiolini (Jolly Club), Piero Frecsobaldi, Marcella De Luca, Cesare Fiorio, ??, Luigi Cabella]

Und schon bei der Rallye Monte-Carlo Ende Jänner 1962 traten zwei Coupés an: Ugo Bagnasacco/Arnaldo Cavallari (# 216 Platz 91) und Giulio Marsaglia/Cesare Fiorio (# 221 Platz 125). Mitglieder des privaten Clubs HF Squadra Corse von Cesare Fiorio aus Biella waren in den nächsten drei Jahren mit den Coupés in ganz Europa unterwegs, bei Rallyes, Berg- und Rundstreckenrennen. Die Erfolge waren beachtlich, waren doch die Gegner Alfa Romeo 2600, Ford, Jaguar und Mercedes Benz eher besser gerüstet als Lancia. Luigi Cabella wurde 1963 Europameister ETTC und italienischer Rennsportmeister, in Brands Hatch und auf dem Nürburgring schlugen sich die Coupés hervorragend.

Flaminia Coupé - Carlo Facetti Timmelsjoch-Bergrennen 1962
Flaminia Coupé – Carlo Facetti Timmelsjoch-Bergrennen 1962

Für den Herrenfahrer Club waren neben Cesare Fiorio Luigi Cabella, Carlo Facetti, die Brüder Frescobaldi, Giorgio Pianta (unter dem Pseudonym „von Baum“), Mario Poltronieri, Marcello de Luca, Luciano Massoni sowie ab 1964 auch Leo Cella und Franco Patria unterwegs. Es wurden in den drei Jahren nur fünf Fahrzeuge mit Turiner Zulassung eingesetzt, eines davon wurde 1965 von Walter Radler in Österreich bei mehreren Bewerben gefahren.

 

Pikanterweise traten bereits ab 1963 die Flavias Coupès als Tourenwagen zuerst in der 1600er-Klasse, dann in der 2000er-Klasse parallel zu den Flaminias bei Rallyes und Rennen an. Höhepunkt und Ende dieser Einsätze waren die 24 Stunden von Spa-Francorchamps 1964, wo drei Flaminias und drei Flavia Sport am Start waren. Vier Fahrzeuge schieden aus technischen Gründen aus, Piero Frescobaldi verunglückte tödlich mit der Flavia, worauf die letzte Flaminia von Ickx/Harris auf dem 12. Platz liegend zurückgezogen wurde.

Flaminia Coupé - Europameister Luigi Cabella in Budapest 1962
Flaminia Coupé – Europameister Luigi Cabella in Budapest 1962

Der Widerspruch zwischen Konzeption und Verwendung des Coupés führt zum Titel des Artikels zurück – no sports? Ganz im Gegenteil, jetzt ging es erst richtig wieder los mit dem Motorsport im Hause Lancia. Aber diese Erfolgsgeschichte ist ja allgemein bekannt.

 

Noch ein paar Zahlen zu diesen Einsätzen:

  • Es wurden nur fünf Fahrzeuge eingesetzt, ab 1963 von der Rennabteilung Lancia betreut – die Präparierung erfolgte außer Haus bei Bosato/Turin und Facetti/Mailand
  • Es wurde wurden 68 Bewerbe international von den Mitgliedern der HF Squadra Corse und neun in Österreich von Walter Radler bestritten
  • Größter Erfolg war der ETTC-Europameistertitel von Luigi Cabella 1963 – Tourenwagen bis 2.500 ccm.
  • Zweiter Platz Italienische Tourenwagenmeisterschaft 1963 Luigi Cabella, zweiter Platz Österreichische Staatsmeisterschaft Wertungssport 1965 Walter Radler.

 

Literatur zum Fahrzeug bzw. zu diesem wenig dokumentierten Kapitel der Lancia-Sportgeschichte:

  • Clarke R., Golden Portfolio Aurelia & Flaminia, 1995
  • Michael Frostick, Lancia, London, 1976
  • Peter Garnier, Lancia compiled from the archives of Autocar, London, 1981
  • Bruce Lindsay, 70 Years of Trailblazing, Phuket, 2009
  • Brian Long, Lancia Sporting Coupés, Wiltshire, 2003
  • A. Manganaro/P. Vinai, Lancia Corse, Mailand, 1998
  • Sergio Puttini, Fulvia, Flavia, Flaminia, Mailand, 1989
  • Paul Schinhofen, Lancia – Innovation und Faszination, 2006
  • Nigel Trow, The Shield and the Flag, London, 1980
  • Nigel Trow, Lancia Racing, London, 1987
  • Nigel Trow, The Illustrated Lancia, London, 2000
  • Wim H.J. Oude Weernink, Lancia, Stuttgart, 1992
  • Wim H.J. Oude Weernink, La Lancia, 2006.

 

Flaminia Coupé - Giorgio Pianta Trieste - Opicina 1963
Flaminia Coupé – Giorgio Pianta Trieste – Opicina 1963

 

E. Marquart / 8.2017

 

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