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SCHEUNENFUND?

Traum oder Albtraum? Wie kommt man zu seinem historisch wertvollen Oldtimer? Über schlitzohrige Händler, verzweifelnde, platzsuchende Enthusiasten, durch Zufall, durch Ignoranz unbedarfter Erben oder durch temporäres Ausblenden von Vernunft?

Der Kreis um lancianews hat alle diese Zugänge (leidvoll?) geübt. Und mit dieser Internet-Site versucht, Mitleidende zu finden und sie zum Erzählen ihrer Freuden und Leiden zu gewinnen. Was leider in den nun 25 Jahren nur ganz selten passiert ist. Aber flatterte im Juni 2026 eine Anfrage und ein toller Bericht in die Redaktionsstube: Scheunenfund von Michael Wapler aus Deutschland und Australien.

Ja, das gibt es wirklich …

Autos waren meine Passion seit in meiner Schulzeit in Naunhof bei Leipzig ein EMW mit russischen Offizieren durch unser Städtchen kam und am Rathaus parkte, vermutlich. um die Ratsversammlung auf Stalins Kurs zu bringen. Für uns Schulbuben war freilich entscheidender zu begaffen, was der Fahrer tat als er die Haube öffnete. um am Motor herumzubasteln. Im Jahre 1947 enthielt das Benzin auch schon mal Taubenmist oder ähnliches.

Die Begeisterung für alle motorisierten Dinge hat mich nie verlassen und nach der Flucht nach Frankfurt waren die damals noch spärlich befahrenen Straßen ein Erlebnis, vor allem die amerikanischen Straßenkreuzer hatten es mir angetan. Sogar besungen wurden sie im AFN Radio (American Forces Network); wer kennt noch das Lied: ‘My Little Red Nash …’?

Flaminia Scheunenfund

Wir wohnten im Frankfurter Bahnhofsviertel (damals war es noch respektierlich) und mein Bruder und ich konnten, ohne aus dem Fenster zu sehen, eine Automarke allein am Klang identifizieren, selbst die Zweitaktmotoren von Gutbrod, Goliath oder DKW vermochten wir auseinanderzuhalten

Einmal im Berufsleben angelangt hatten Autos zwar immer noch ihre Faszination nicht verloren, aber mein erstes Auto, ein VW Standard (mausgrau) mit Seilzugbremsen und unsynchronisiertem Getriebe war dann doch kein Porsche, auch wenn ich versuchte so damit zu fahren.

Aber, der Beruf forderte seinen Tribut. Zeit zum Schrauben war keine, und wenn später dann der Geschäftswagen auch einen Stern hatte, es war immer noch kein Sportwagen. Dabei waren meine Frau und ich, seit wir von 1972 an in England lebten, von klassischen englischen Roadstern nur so umringt. Im ländlichen Cambridgeshire bevölkerten sich am Wochenende, zumal bei schönem Wetter, die ‘country lanes’ mit MGs, Morgans und anderen sportlich-schönen Untersätzen.

Flaminia Scheunenfund – viel Arbeit

Die Jahre gingen dahin, Zeit für ein Autohobby war immer noch nicht, aber schließlich und endlich war es so weit. Wir verkauften unsere Firma und konnten uns zur Ruhe zu setzen, und was lag näher als zur Tochter nach Australien umzuziehen. Nun waren die Zeit und Muße da, es fehlte aber noch das Auto. Ein Freund führte mich im Sporting Car Club of S.A. in Adelaide ein, und so war es nur eine Frage der Zeit. Aber dann ging alles schneller als erwartet. Nur wenige Wochen nach meinem Clubbeitritt sah ich eine Anzeige am Schwarzen Brett, die mein Herz höherschlagen ließ: eine Lancia Flaminia 2.8 GTL, Baujahr 1966 wurde angeboten und es brauchte nur einen Telefonanruf, um festzustellen, sie war noch unverkauft!

Flaminia Scheunenfund – V6 vom Feinsten

Es stellte sich heraus, der Besitzer war kinderlos verstorben und nun hatten die Neffen den Wagen geerbt. Es gab nur einen Haken, fahrbereit war die Flaminia nicht, denn der Onkel war wohl ein wenig exzentrisch gewesen. Er hatte die Flaminia vermutlich gekauft, um der in Melbourne lebenden Freundin zu imponieren, aber das hatte wohl nicht ganz geklappt, und so wollte er den Wagen wieder verkaufen. Das war aber leichter gesagt als getan, denn damals war eine Flaminia GTL mit Touring-Karosserie ein ganz seltener Vogel in Australien und lag preislich auf Augenhöhe mit einem Rolls Royce, nur dass dieser viel bekannter war. Selbst als Gebrauchtwagen kostete die Flaminia so viel wie ein landläufiger Bungalow! So wurde aus dem Verkauf nichts und aus Ärger über so viel Unverstand seitens seiner autofahrenden Mitbürger stellte der Besitzer die Flaminia in einen Schuppen auf seiner Hobbyfarm und ließ das Eingangstor zumauern. Da stand sie dann, die Reifen wurden allmählich platt, das Kühlwasser zersetzte sich zu Kalkstein – Frostschutz war beim hiesigen Klima überflüssig, denn der Kühler wurde aus dem Brunnen aufgefüllt – und das Bremssystem korrodierte allmählich in einen unbrauchbaren Zustand. Vom Lack ganz zu schweigen, der sich in der sommerlichen Backofenhitze des Schuppens über die Jahre hinweg kräuselte.

Flaminia Scheunenfund – alle Sechse wieder da

Die Neffen hatten wohl nach einigem Suchen das Erbstück im Schuppen entdeckt und es wieder befreit, aber fahrbereit war etwas anderes. Nun stand ich davor und musste mich entscheiden. Soll ich, oder soll ich nicht? Dazu muss man wissen, dass von diesem exklusiven Modell nur 300 Stück gefertigt worden waren und davon wiederum, sage und schreibe, nur fünf Stück mit werksseitigem Rechtslenker. Aber alle Nummern stimmten, der Tacho zeigte etwas über 15.000 Meilen; es war also ein unverbasteltes Original. Nur die Ersatzteilbeschaffung erschien das große Problem zu sein, denn spezifische Teile von einer solchen Kleinserie zu bekommen, das konnte leicht ins Auge gehen, wenn lebenswichtiger Ersatz nicht zu bekommen war.

Dem Reiz eines solchen Exoten konnte ich am Ende nicht widerstehen. Wir wurden uns über den Preis einig und ich ließ die Flaminia zu einer Firma für Restaurationen schleppen, der Motor wurde ausgebaut und kam zum italienischen Spezialisten für solche Fälle, der selbst aus Mailand stammte und mir aber nicht viel Hoffnung machte, dass wir die benötigten Teile auch alle bekämen.

Flaminia Scheunenfund – Traum erfüllt

Zwei Jahre später, nach rastloser Suche, waren nicht nur alle Teile entweder gefunden oder in Handarbeit nachgefertigt worden, sondern die Flaminia stand, von grundauf neu lackiert und restauriert, mit laufendem Motor zur Abholung bereit im Hof der Werkstatt. Außer der Lackierung war alles original verblieben, einschließlich der Conolly-Leder Sitzbezüge.

Viel ist nicht anzufügen, die Flaminia hat uns getreu schon durch halb Australien getragen und das mit Komfort und viel Fahrfreude. Mit seiner langen Übersetzung ist das Getriebe wie geschaffen für lange Überlandfahrten auf Australiens oft fast verkehrsfreien Straßen, so wie es das Konzept für dieses Automobil in den 60er Jahren versprach. Eben ein richtiger GT (Gran Tourismo); übrigens eine Bezeichnung, die von Lancia erstmalig benutzt wurde und seitdem in inflationärer Weise bei allerlei möglichen und unmöglichen Blechle Anwendung fand, meist völlig unberechtigt.

Flaminia Scheunenfund – was ist das Weiße im Hintergrund down under?

In all den Jahren hat uns die Flaminia nie im Stich gelassen. Wie sagte man doch von Lancia, als es noch Lancia war: Lancia hat nie ein schlechtes Automobil gebaut. Die Qualität ist heute noch beispielhaft, wenn auch Dinge wie Geräuschdämmung, Lenkhilfe, Belüftung bei später gebauten Automobilen verbessert wurden. Stoßstangen und Zierleisten waren aus Edelstahl rostfrei, und die von Lancia gebauten Stoßdämpfer funktionieren heute noch einwandfrei. Rost war beim hiesigen trockenen Klima ohnehin nicht zu finden.

Die besondere Klasse zeigt sich schon in der Konstruktion. Eine handgefertigte Aluminiumkarosserie von Touring auf einem Gitterrohrrahmen, eben Superleggera! Der Antriebsstrang mit vorne liegendem 2.8 Liter V6 Motor und Transaxle (Kupplung, Getriebe, Differential in einer Einheit über der Hinterachse am Wagenboden montiert) und von zwei Halbwellen auf die Hinterräder angetrieben. Die Hinterachse ist eine DeDion-Konstruktion mit Blattfedern. Der Motor ist unverwüstlich und brachte bei voller Drehzahl eine Spitze von 196 km/h, was in Australien allerdings meist zum Führerscheinverlust führt, da hier außerorts nur 100 oder maximal 110 km/h das Ende der Fahnenstange sind. Hier und da findet man mal abseits der großen Durchgangsstraßen ein wenig Freiheit ohne Hubschrauberüberwachung und Polizeistreifen mit Laserkanone und kann der Flaminia mal die Sporen geben, die sich dann in ihrem Element fühlt und eine Straßenlage offenbart, die selbst manch eines der heutigen Automobile gerne hätte.

Flaminia Scheunenfund – angemessen unterwegs

In Australien gibt es eine eingeschworene Gemeinschaft von Lancia Liebhabern, die sich alle zwei Jahre im kleinen Städtchen Castlemaine in der Nähe von Melbourne treffen. Gewöhnlich sind dann um die einhundert Lancia aus ganz Australien anwesend und die Modelle reichen vom unverwüstlichen Lambda über Augusta, Astura, Aurelia, Fulvia und Flaminia bis zum Beta. Danach wurden keine Lancia mehr nach Australien geliefert, denn das Rostproblem vom Beta wurde auch in Australien der Marke Lancia zum Verhängnis; aber das war ohnehin kein Lancia mehr, sondern ein FIAT.

Michael Wapler / 7.2026

Flaminia Scheunenfund

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