43. Internationale Österreichische Alpenfahrt 1972

43. Internationale Österreichische Alpenfahrt 1972

28 Aug, 2022

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Das „Gesetz“ der runden Zahl! Man erinnere sich an Ereignisse, die ausgerechnet eine runde Anzahl von Jahren zurückliegen. Vor 50 Jahren … gewannen Sandro Munari und Mario Mannucci die Rallye Monte-Carlo. Daran MUSS sich jeder Lancia-Rallyefan erinnern, es gab auch ausreichend Berichte in der (italienischen) Presse. Aber das Sportjahr 1972 bestand nicht nur aus der Rallye Monte-Carlo.

Österr. Alpenfahrt 1972

In diesem Jahr gewann Lancia die internationale Rallye-Markenmeisterschaft der FIA Gruppen 1 bis 4, Es war der ersten Markentitel für Lancia, wurde mit Fulvia 1,6 HF errungen. Diesem Titel (ab 1973 Rallye-Weltmeister für Marken) folgten noch viele weitere bis 1992 mit Stratos, 037, Delta S4 und Delta Integrale.

Das Fulvia Coupé war ab 1966 die Waffe Lancias im Motorsport: Coupé, Coupé HF, 1,3 HF und 1,6 HF. Aufgerüstet bis zum „geht nicht mehr“, bis zu den erfreulichen Meistertiteln 1972 und 1973. Die beiden letzten Jahre waren allerdings bereits Kämpfe mit dem Rücken zur Wand, da das Fulvia-Konzept (Frontantrieb, nicht vergrößerbarer 1,6 Liter Motor, Blattfederung vorne und hinten) keine Weiterentwicklung gegenüber der Konkurrenz Renault Alpine, Ford Escort, Porsche 911 – und FIAT 124 Spider mehr erlaubte.

1969 waren Harry Källström/Gunnar Häggbom mit der 1,3 HF und 1,6 HF Europameister geworden, aber bereits 1970 reichte die 1,6 HF nur noch für Ehrenplätzen. 1969 ging Lancia in den FIAT-Konzern, der mit dem 124 Spider eine eigene Rallyewaffe entwickelte: 1970 Paganelli italienischer Meister, 1971 Trombotto schärfster Gegner von Sergio Barbasio in Italien. Lancia organisierte nach der erfolglosen Saison 1971 das Team um: Cesare Fiorio stieg im Konzern auf, Daniele Audetto übernahm die Leitung der HF Squadra Corse.

Österr. Alpenfahrt 1972

Und dann geschah im Jänner 1972 das herbeigesehnte „Wunder“: Sieg sowie Plätze 4 und 6 bei der Rallye Monte-Carlo = Führung der Markenmeisterschaft. Platz 3 in Schweden durch Källström/Häggbom, Sieg in Marokko durch Lampinen/Andreasson, Platz 2 in Griechenland durch Lampinen/Reinicke = deutliche Führung in der Meisterschaft vor Porsche.

Der nächste Lauf zur Meisterschaft war die Österreichische Alpenfahrt Anfangs September 1972. Hier hätte die Vorentscheidung fallen sollen, da Porsche offiziell nicht am Start war, nur Privatfahrer aus Österreich starteten. Also: alle Mann nach Österreich – # 2 Källström/Häggbom mit TO G36419, # 5 Lampinen/Andreasson mit TO B51443 und # 8 Barbasio/Sodano mit TO G36418. Gegner: FIAT, BMW, Porsche Salzburg und Saab. Die Alpenfahrt hatte sich unter Leitung von Ing. Udo Pöschmann zu einer Spitzenveranstaltung entwickelt, deren Ruf Werksmannschaften und Privatfahrer anlockte: 1972 waren 2.462,5 km in drei Etappen mit jeweils zweistündiger Pause mit 17 Sonderprüfungen über 329,5 km zu fahren. 76 Nennungen, sechs Team-Nennungen mit Start und Ziel in Baden bei Wien.

Österr. Alpenfahrt 1972 – Lampinen/Andreasson am Start [TMW Wien]

Um es kurz zu machen: so wie Marokko der unerwartete Sieg, war die Alpenfahrt die unerwartete totale Niederlage. Keine Fulvia im Ziel, Hakan Lindberg auf FIAT 124 Spider überlegener Sieger und die Markenmeister-schaftsentscheidung verschoben auf Oktober zur Rallye Sanremo.

 

 

Österr. Alpenfahrt 1972 – Lampinen/Andreasson flott unterwegs [Archiv McKlein]

Österr. Alpenfahrt 1972 – Källström/Häggbom am Start [TMW Wien]

Österr. Alpenfahrt 1972 – Källström/Häggbom [TMW Wien]

Zu Beginn geigte Archim Warmbold auf BMW 2002 auf, gewann vier Sonderprüfungen, um sich in Kärnten zu überschlagen. Bis zum Mittag des zweiten Fahrtages kämpften Lampinen, Lindberg und Janger um die Spitze, Källström blieb deutlich hinter der Spitze zurück und schied bereits am ersten Vormittag mit Motorschaden aus, Barbasio gewann die SP Obermühlbach, schied aber in der zweiten Nacht in der Steiermark auch mit Motorschaden an dritter Stelle liegend aus. Aber Simo Lampinen/Sölve Andreasson hielten mit der vier Jahre alten Fulvia (818.540 001003) die Lancia-Fahne hoch, führten mit sechs Bestzeiten deutlich vor Lindberg, als zwei Prüfungen und 100 km vor dem Ziel der Ölfilter brach! Das Serviceteam war allerdings bereits auf dem Weg nach Baden, sodass die letzte Fulvia in Führung liegend aufgeben musste.

Die Positionen der drei Fulvias bei den Sonderprüfungen waren:

SP km Käll Lamp Barb
Eselberg – Haßbach 10,0 ? 3 8
Mönichwald – Waldbach 20,0 8 3 5
Turnau – Wappenstein 7,5 7 2 8
Gaberl – Maria Lankowitz 15,0 ? 2 10
St. Getraud – Schwanberg 36,0 4 1 ?
Hirschegg – Kleinfeistritz 22,0 3 2 ?
Bad Weissenbach – Lölling 21,0 1 5 3
Obermühlbach – Gradenegg 33,0 5 1
Wöbring – Lassnitz 14,0 1 5
Lassnitz – Wöbring 14,0 1 4
Lölling – Bad Weißenbach 26,0 1 2
St. Oswald – Gaal 14,0 3 2
Kleinfeistritz – Rein 22,0 1 5
Hönigsberg – Ratten 20,0 7 2
Waldbach – Mönichwald 16,0 1 2
Ratten – Hönigsberg 20,0
Gütergraben – Ramsau 19,0
329,5

Österr. Alpenfahrt 1972 – Barbasio/Sodano am Start [TMW Wien]

 

 

 

 

 

 

Österr. Alpenfahrt 1972 – Barbasio/Sodano in der finsteren steierischen Nacht [Archiv McKlein]

Es war der letzte Auftritt der Werks-Fulvias im traditionellen „Gewand“: Farbe Rosso Corsa, schwarze, matte Motorhaube mit dem Schriftzug „LANCIA ITALIA“, In San Remo im Oktober 1972 starteten die Fahrzeuge als rot-weiße Zigarettenschachteln Marke „MARLBORO“, die HF Squadra Corse Lancia trat nun als Lancia Marlboro an.

Gianni Tonti hat in Band II seines Buches „Reparto Corse Lancia“ die Präparierung der Fahrzeuge für die Alpenfahrt genau beschrieben, allerdings nicht die von TO G36419 von Källström, diese Fulvia hat er „übersehen“.

Österr. Alpenfahrt 1972 – Service für Lampinen. Hinter der Fulvia S. Andreasson und Daniele Audetto

 

Es gibt einige Literatur zu dieser Veranstaltung, an die wir uns als Österreicher gerne erinnern, trotz des Ausscheidens der Fulvias:

Literatur:

  • Martin Pfundner, Vom Semmering zum Grand Prix, Wien, 2003, Seiten 323 ff
    Martin Pfundner, Die Alpenfahrt 1910 – 1973, Wien, 2005, Seiten 154 ff
    Martin Pfundner, 100 Jahre Alpenfahrt, Wien, 2010, Seiten 170 ff
    Herbert Völker, Jahrbuch des Rallyesport 1973, Darmstatt, 1973, Seite 53John Davenport/Reinhard Klein, Gruppe 2, 2014, Köln – Seiten 168 ffErnst Marquart, Die Österreichische Alpenfahrt 1949 – 1973, 2015, Wien – Seiten 696 ff
    Ernst Marquart, Lancia bei der Internationalen Österreichischen Alpenfahrt 1949 – 1973,2016, Wien – Seiten 139 ff.

 

Pressespiegel

  • Automobil Revue (CH) 40/1971 (Herbert Völker)
  • AutoMotorSport 20/1972
  • rallye&racing 10/1972 (Herbert Völker)
  • autorevue 10/1972 (Herbert Völker)
  • powerslide ?/1972 (Herbert Völker)
  • Auto Touring Nr. 402

 

E. Marquart / 9.2022

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