Das Ende der Nostalgie

Das Ende der Nostalgie

15 Dez, 2002

Die erfolgreiche Wiederbelebung und Fortführung einer Tradition aus den 1960er-Jahren

Die Rallye der 1000 Minuten als 1000 Minuten Klassik – aber kein Platz mehr für Nostalgie

Möglicherweise ist dieser Bericht nur für eine kleine Gruppe von Lancia-Freunden von Interesse, weil sich der Verfasser die persönliche Frage stellt, in welchem Rahmen er seine Fulvia 1,3 HF angemessen und sportlich bewegen will. Für die Mehrzahl der Eigentümer von historisch wertvollen Lancias ist die technisch, kulturelle Beschäftigung mit Marke und Type in Verbindung mit einigen Treffen und lockeren Zusammenkünften mit anderen Lancisti das Ziel ihres Hobbys.
Bei mir kommt zu diesen Zielen noch der sportliche Anspruch. Als ich in den 60er-Jahren dem Rallyesport frönte, begann der Aufstieg von Lancia zur Rallye-Großmacht: Flavia, Fulvia, Stratos, 037 und schließlich Delta. Begeisterung für Sport, Marke und Type haben mich bewogen, seit 1997 an Oldtimerbewerben teilzunehmen: Eine Fulvia muß in einem entsprechenden Umfeld bewegt werden. In verschiedenen Berichten habe ich von Umfeld, Eindrücken und Ergebnissen erzählt, die mir in diesen sechs Jahren begegnet sind. Die Entwicklung des Oldtimersports von unkomplizierten Ausfahrten ohne oder mit kleinen Bewerben bis zur professionellen 1/100-Sekunden-Schlacht hat mich nachdenklich gestimmt. Ist das noch der Rahmen, in dem ich mit meiner Fulvia Spaß am Fahren und netter Gesellschaft finden will?

1971 - Rallye der 1000 Minuten Neverla/Audetto

1971 – Rallye der 1000 Minuten Neverla/Audetto

Der Wiener Club RRC13, in den 1960er-Jahren der innovativste Motorsportclub mit den besten Veranstaltungen wie Rallyes, Autocross, Rallyecross, Slalom, hat 1998 die bis 1973 durchgeführte 1000 Minuten Rallye als Bewerb für historische Fahrzeuge wiederbelebt. Was 1998 mit 23 Teilnehmern als eine sehr sportliche „Familien“-Ausfahrt begonnen hat, ist 2002 zu einer professionellen Veranstaltung mit 110 Teilnehmern geworden. Die Zeitdifferenzen zwischen den Erstplazierten dokumentieren diese Entwicklung:

1998: 10,8 – 8,9 – 41,8 – 22,2 sec
2002: 5,0 – 0,63 – 0,99 – 0,23 sec.

Sport mit Oldimern ist „in“ geworden. Gab es 1997 nur wenige Veranstaltungen mit sportlichem Anspruch, so fanden 2002 mit der Planai Classic, Wachau Classic, Mille Grazie, Kitzbühler Alpenrallye, Silvretta Classic, Ennstal Classic, Alpenfahrt und 1000 Minuten Klassik eine Vielzahl von Bewerben statt, die jede Menge Aufwand an Geld und Zeit erfordern, wollte man nicht nur als Nenngeld-Lieferant antreten. Motto: Jedem Fremdenverkehrsverband seine Oldtimer-Veranstaltung! Daß sich übrigens nur drei Teilnehmer die ersten Plätze all dieser Veranstaltungen geteilt haben, hat schon fast Formel 1-Ausmaße. Es gibt keinen Dachverband, wohl eine Staatsmeisterschaft für historische Kraftfahrzeuge mit 10 Bewerben, die von einem niederösterreichischen Club ausgerichtet wird, keine einheitlichen Richtlinien und einen vollen Terminkalender von April bis Anfang Oktober.
Ich will hier nicht jammern, sondern eine Entwicklung aufzeigen, die es einerseits Einsteigern schwer macht, mit einigen Erfolgsaussichten sein Fahrzeug sportlich(er) zu bewegen, und andererseits von Halbetablierten einen unmäßig hohen Aufwand erfordert, wollen sie noch halbwegs mithalten. Reichten Erfahrung und Ausstattung mit mehreren Stoppuhren bisher für erfreuliche Ergebnisse, so kann am Beispiel der 1000 Minuten Klassik die Professionalisierung dargestellt werden:

13 Sonderprüfungen, der Grand Prix von Krems als Lichtschrankenprüfung, 12 Prüfungen zwischen 8 und 15 km Länge mit Zeitmessungen an unbekannten Punkten mit Schnitten zwischen 45 und 50 km/h, Genauigkeit 1/100 Sekunden. Ohne Wegzählgerät (Trip- bzw Twinmaster oder Derivate) mit 10 Meter-Anzeige, Stoppuhren, Tabellen mit 1/10 km/h-Schnitten und einem ausgeklügelten Beifahrer-Fahrer-Dialog können keine vorzeigbaren Ergebnisse mehr erzielt werden. Man kann nicht den Veranstaltern den Vorwurf machen, sie hätten die Anforderungen zu hoch geschraubt. Die Teilnehmer haben einen Perfektionsgrad erreicht, dass entweder die Technik beschnitten oder die Anforderungen weiter verschärft werden müssen, um die notwendige Selektion herbeizuführen.
Ich habe bisher die Anschaffung eines Twinmasters vermieden, stehe jedoch nun vor der Frage: reichen stolze 30er-Plätze bei 100 Teilnehmern oder will ich mehr? Aus der Spirale komme ich damit jedoch nicht heraus, im Gegenteil, ich steige mit noch mehr Aufwand ein. Ist das dann gewünschte die Freude am Fahren mit meiner Fulvia?

1000 Minuten Klassik 2002 - typisches Wetter im Waldviertel

1000 Minuten Klassik 2002 – typisches Wetter im Waldviertel

Zurück zur 1000 Minuten. 110 Fahrzeuge, darunter nur drei Lancia (Fulvia 1,3 HF, 1,6 HF und 1600 HF) legten vom Start- und Zielort Krems in zwei Tagen ca. 1.000 km bei meist regnerischen Wetter im nördlichen und südlichem Niederösterreich zurück, bewältigten die erwähnten 13 Sonderprüfungen und wurden in angemessenem Rahmen in Schloß Ottenstein, Stift Göttweig, Kartause Gaming und Römerhalle Mautern bewirtet. Perfekte Organisation, freundliche Betreuung und transparente, schnelle Ergebnisermittlung machten die Veranstaltung zum sportlichen und gesellschaftlichen Vergnügen. Die Gesamt-, Epochen- und Klassensieger erhielten Pokale und die Gewissheit, daß sie die gestellten höheren Aufgaben des Schnittfahrens positiv bewältigt haben. Die Nicht-Preisträger können je nach Temperament lachen, zufrieden sein oder – so wie ich als 40. – grübeln, warum die Ergebnisse nicht den Erwartungen entsprachen. Von unbeschwertem Fahren in schöner Landschaft und Nostalgie war jedoch nicht mehr die Rede.

E. Marquart /12.2002

1000 Minuten Klassik 2002 Kartause Gaming

1000 Minuten Klassik 2002 Kartause Gaming

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