Die jungen Wilden

Die jungen Wilden

29 Sep, 2019

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Die Sportgeschichte eines Automodells war stets zweigeteilt: die Werkswagen und die der Privatfahrer ergaben das Gesamtbild. Zuerst ordnet das Werk das Modell in die FIA-Kategorie und -Klasse ein, wo es sich den meisten sportlichen Erfolg erwartet, lässt es homologieren. Nachdem die vorgeschriebene Mindestanzahl Fahrzeuge produziert sind, kann der Spaß losgehen. Und der Kreislauf beginnt: Verbesserungen werden notwendig – diese erproben, produzieren – homologieren lassen – einsetzen und an die Privatfahrer verkaufen.

Und das vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen notwendigen Verkäufe, denn Selbstzweck waren die Sporteinsätze mit Serienfahrzeugen nur selten. Betuchte und weniger betuchte Privatfahrer beobachteten die Werksaktivitäten sehr genau, denn sie suchten, abhängig von ihren finanziellen Möglichkeiten, stets Fahrzeuge, mit welchen sie erfolgreich an Wettbewerben teilnehmen konnten.

Um auf die Lancia-Sportgeschichte zu kommen, will ich diesen Kreislauf am Beispiel de Fulvia Coupés beschreiben – bei der Fulvia Berlina war es schon vorher ähnlich, aber die Anzahl der Werkswagen war hier sehr gering, mit der Berlina betrieben fast ausschließlich Privatfahrer Sport. Mit dem Model HF, von dem nur 425 Exemplare – es hätten eigentlich 500 sein sollen – produziert wurden, begann der Paralleltanz Werk – Privatfahrer, die zum Teil auch in Club-Formationen antraten. Die Grenzen waren nicht genau gezogen, denn z.B. die Fulvias des Jolly Clubs Milano waren oftmals wie die Werkswagen präpariert. Von den Folgemodellen 1,3 HF wurden 882 Exemplare, von der 1,6 HF 1.258 gebaut. Die Anzahl der Werkswagen ist in der Literatur dokumentiert: 12 HF, 27 1,3 HF und 40 1,6 HF [Altorio und Weernink].

Die jungen Wilden – G. Pelganta 4 Regioni 1972

Wenn Sie jetzt die Startlisten der Rallyes der Jahre ab 1967 anschauen, finden Sie dort neben den durchschnittlich drei Werkswagen jede Menge Privatfahrer, die wahrscheinlich ihre Autos brav selbst bezahlt hatten. Und wie die Teufel fuhren, um die Werksfahrer zu besiegen. Was allerdings selten gelang, denn die fahrerische Klasse von Sandro Munari, Amilcare Ballestrieri, Sergio Barbasio, Raffaele Pinto & Co sowie die Präparierung der Werkswagen waren nicht leicht zu überbieten.

 

Die jungen Wilden – Daniele Audetto „betreut“ M. Pregliasco [Thomas Popper]

Die „Laufbahn“ der Werksfahrer ist bei den jeweiligen Biografien beschrieben: „Hinaufdienen“ aus kleineren Klassen (z.B. Renault R8 Gordini) oder „Aufzeigen“ durch hervorragende Leistungen, dass Cesare Fiorio aufmerksam wurde und vielleicht die Schatzkiste der homologierten Verbesserungen auch für die Privatfahrer öffnete. Denn diese musste man kaufen, dazu mussten sie erst einmal bekannt und verfügbar sein und dazu auch noch zum Fahrzeug passen. Die HF Squadra Corse blieb besetzungsmäßig von 1968 bis 1972 nahezu unverändert, 1970 kam Simo Lampinen dazu, die Trautmanns schieden aus, aber der Kern blieb gleich. Ende 1972 wechselte Sergio Barbasio nach zwei italienischen Meistertiteln zu FIAT, im Februar 1973 verließ Harry Källström das Team. Und die Privatfahrer kämpften weiter alleinstehend oder im Rahmen von Clubs wie Jolly Club, Grifone, 3 Gazelle.

Die jungen Wilden – G. Pelganta Semperit-Rallye 1972

Aber die Prioritäten innerhalb des Reparto Corse Lancia hatten sich nach Gewinn der Marken-Weltmeisterschaft 1972 verschoben, der Stratos stand in der Erprobung, Sandro Munari sollte den Rallye-Europameisterschaftstitel 1973 erringen, Simo Lampinen fuhr nur noch ausgewählte Bewerbe, sodass zur Unterstützung von Amilcare Ballestrieri auf dem Weg zum italienischen Meister neue Fahrer gesucht und gefunden wurden. Und das waren zwei junge Wilde, die ab 1970 bei italienischen Rallyes aufgezeigt hatten und nun abwechselnd auf den verbliebenen Werkswagen eingesetzt wurden.

 

 

Die jungen Wilden – M. Pregliasco – Semperit-Rallye 1973 [Thomas Popper]

Jahr Datum Bewerb Nr. Fahrer/Beifahrer Erg. Auto
Mauro Pregliasco
1972 11. Nov. Rally di San Marino 7 Pregliasco/Garzoglio TO E51660
1973 2. Mär San Marino 12 Pregliasco/Garzoglio 3 TO G75936
23. Mär Sizilien 5 Pregliasco/Garzoglio TO G75936
12. Apr Elba 16 Pregliasco/Garzoglio TO G75936
28. Apr Martha 7 Pregliasco/Garzoglio 2 TO H23323
11. Mai Rallye Essen 2 Pregliasco/Sodano TO H23323
31. Mai Semperit 10 Pelganta/Sodano TO H23323
21. Juni Goldstrand (BUL) Pregliasco/Garzoglio TO H23322
30. Juni Alpi Orientali 5 Pregliasco/Garzoglio TO G75936
22. Juli Alpe della Luna 4 Pregliasco/Garzoglio 2 TO G75936
30. Aug San Martino di C. 7 Pregliasco/Garzoglio 4 CN 251953
15. Sep Rally di Ancona 3 Pregliasco/Garzoglio 3 TO G36419
29. Sep Rally di 100.000 Trabucchi 3 Pregliasco/Garzoglio 3 TO G36419
11. Okt San Remo 14 Pregliasco/Garzoglio 7 TO G75936
3. Nov. Coppa Liburna Pregliasco/Garzoglio 3 TO G75936
18. Nov. Rally die 333 minuti 4 Pregliasco/Garzoglio 1 TO G75936
1974 14. Feb. Costa Brava 6 Pregliasco/Garzoglio TO G36419
Giacomo Pelganta
1972 4. Apr Elba 22 Pelganta/Mannini TO F35201
6. Mai ÖASC-Elan 11 Pelganta/Sodano TO D20641
1. Jun 4 Regionen 9 Pelganta/Maiga TO E51660
6. Jun Alpi Orientali 11 Pelganta/Garzoglio MI P65765
8. Jun Semperit 14 Pelganta/Maiga 7 TO E51660
22. Okt San Remo 18 Pelganta/Mannini 7 NO 208220
1973 19. Mär Cittá di Cesena 2 Pelganta/Orlando 4 TO G36417
12. Apr Elba 10 Pelganta/Mannini
21. Apr. Due Valli 8 Pelganta&Garzoglio TO G36417
12. Mai 999 Minuti 4 Pelganta/Garzoglio 5 TO G36418
1. Jun 4 Regionen 5 Pelganta/Garzoglio 4 TO H23323
25. Nov. Valli Imperiesi 4 Pelganta/Orlando (.) TO G36417

 

Die jungen Wilden – Angelo Garzoglio und M. Pregliasco – Rallycross 1972 [Thomas Popper]

Giacomo Pelganta und Mauro Pregliasco (Baujahr 1944) fuhren in der ausklingenden Fulvia-Periode 1972 und 1973 neben Sandro Munari und Amilcare Ballestrieri die Werkswagen in den italienischen Bewerben und waren oftmals schneller als die „alten Herren“, die sich die jungen Wilden nur mit Mühe vom Leib halten konnten. Beide fuhren auch in der Stratos-Periode Werks- und Privatfahrzeuge, wobei Cesare Fiorio für die Weltmeisterschaftsläufe neben Simo Lampinen und Raffaele Pinto international bekannte Fahrer wie Björn Waldegård und J.C. Andruet einsetzte.

Die jungen Wilden – G. Pelganta – 999 Minuti 1973

1972 und 1973 stieg Lancia mit begrenztem Einsatz auch in die neue Rallycross-Szene ein. Einige der älteren Rallye-Wagen wurden für diese neuen Bewerbe „geopfert“, bei denen die Fahrzeuge brutal „verbraucht“ wurden. Mauro Pregliasco fuhr die Fulvia TO E51658 zum Gewinn der Trofeo Vitaloni Yazaki, um die in drei Läufen im Herbst 1972 gefahren wurde.

Mauro Pregliasco fuhr dann 1974 und 1975 ein Gruppe-4-Beta Coupé neben Simo Lampinen – diese Einsätze in Europa und Nordamerika hat Gerald Wöss in seinen Beta-Berichten beschrieben.

Die jungen Wilden – A. Ballestrieri und M. Pregliasco – 100.000 Trabucci 1973

Giacomo Pelganta gewann 1973 den nationalen italienischen Rally-Cup, Rallyemeister war Amilcare Ballestrieri geworden. Die Krönung zum Cup-Sieger war mit Schwierigkeiten verbunden, weil Pelgantas Werks-Fulvia beim letzten Bewerb „Valli di Imperiesi“ wegen unerlaubter Befestigungen der Windschutzscheibe disqualifiziert worden war. Ballestrieri war mit den Homologierungspapieren bereits abgereist, sodass erst später nach Protest die Verifizierung vorgenommen und der Gewinn bestätigt werden konnte.

Die jungen Wilden – späte Anerkennung der homologierten Scheibenbefestigungen

Die weitere Karriere der beiden Herren nach der Fulvia-Zeit habe ich nicht mehr verfolgt, laut Wikipedia wurde Mauro Pregliasco u.a. 1977 auf Stratos italienischer Rallyemeister. Ich traf Mauro Pregliasco 2016 bei einem Fulvia-Meeting in Caraglio/Piemont, konnte ihm eines meiner Bücher in die Hand drücken, er revanchierte sich mit einer Hochglanz-Broschüre über seine Sportkarriere mit persönlicher Widmung – die nächste Generation, bei der die Werbung bereits zum Handwerk gehörte.

Die jungen Wilden – Costa Brava 1974 – der letzte Fulvia-Einsatz in Europa mit M. Pregliasco

 

E. Marquart / 9.2019

 

Die jungen Wilden – Werbebroschüre Mauro Pregliasco 2016

4 Kommentare

  1. Britta Binder /

    Herzlichen Dank für den informativen Bericht über zwei wenig bekannte Fahrer.
    B.Binder

  2. Henrik Stavorinus /

    Herr Marquart, erneut ein Artikel der den Sport mit Fulvias abseits des Reparto Corse Lancia. Und die Jungen Wilden bilden die „next gereration – nuova generazione“.

    Danke dafür.

    Henrik Stavorinus

  3. Henrik Stavorinus /

    Herr Marquart,
    dies ist ein weiterer Artikel, den die neuen Lancisti bei Ihnen entdecke müssen. Sie haben Quellen, Hintergründe und Wissen, die sich dann zu solchen interessanten Geschichten / Berichten formulieren. Ihre Zuordnung der Nummernschilder zu den Fahrzeugen zur Identifikation ist immer eine gute Hilfe.
    Dank Frau Binders Hinweis habe ich ihn schneller gefunden und mit großer Spannung gelesen.

    Henrik Stavorinus

  4. mayrhofer /

    hallo Hannes-wieder ein ganz interessanter bericht aus deinem nahezu unfaßbaren wissen-ich freue mich schon wieder auf den nächsten bericht-
    liebe grüße
    joschi mayrhofer

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