Fulvia-Datensumpf

Fulvia-Datensumpf

9 Mai, 2010

Viele Fotos, viele Berichte, wenige Quellen, keine offiziellen Unterlagen – die Fulvia-Sportgeschichte! Die Puzzlesteine zu einem Bild zusammengefügt – und bewertet.

Lancia Fulvia: San Remo 1973 - mit Marlboro (endlich) einen  Langzeitsponsor gewonnen (Foto Graham Robson, History of Rallying, 1981)

Lancia Fulvia: San Remo 1973 – mit Marlboro (endlich) einen Langzeitsponsor gewonnen (Foto Graham Robson, History of Rallying, 1981)

Ich habe Sie in den letzten Jahren bereits mehrmals mit Details zur Sportgeschichte des Fulvia Coupés aus dem Reparto Corse Lancia gequält. Möglicherweise sind diese Details nur für wenige Verrückte interessant, doch die Reaktionen auf die bisherigen Berichte waren doch recht erfreulich. Da das Datenmaterial – eingesetzte Fahrzeuge laut Literatur, Erwähnungen in der Literatur und eine schier unübersehbare Zahl von Bildern von Zeitzeugen und Interessierten vor allem im Internet – nun zu einem hohen Prozentsatz Stand Frühjahr 2010 vollständig zu sein scheint, kann „man“ nun die Daten aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten.

Nach den Zusammenstellungen für mein Buch  „Fulvia in Österreich“ aus dem Jahr 2009, den Berichten über die überlebenden Werks-Fulvias („Fulvia nowhere“) und den Einsatz von Söldnern in Turin interpretiere ich das Datenmaterial diesmal aus einer noch ausgefalleneren Sicht. In der englischen Literatur über die englischen Werks-Rallyeautos sind akribisch Einsätze und zum Teil auch Verbleib der Werkswagen zusammengestellt (Graham Robson über die Escorts und Austin Healeys sowie Peter Browning über die Minis). Für die Lancia-Werkswagen in der Großserienzeit = vor Stratos & Co gibt es solche Veröffentlichungen leider nicht. Die Frage, die ich mir gestellt hatte, lautete schlicht: Wie lange hielt eine Fulvia das Leben als Werks-Wagen durch (der spätere, kaum dokumentierte Einsatz als Muletto ist wohl nicht  nachvollziehbar, die gezielte Vernichtung im Rallyecross will ich ignorieren)?

Anhand der Liste der nachvollziehbaren Starts zwischen 1965 und 1974 kann so eine Aufstellung der Sternschnuppen, Erfolgsfahrzeuge, braven Einsatzfahrzeuge, der nicht umzubringenden Fahrzeuge und der durch Unfälle ausgeschiedenen gemacht werden, die dann jeder in seine Richtung interpretieren kann. Die Einsätze der 1,2 HF und frühen 1,3 HF sind leider nicht vollständig nachvollziehbar, während bei der 1,6 HF nur noch wenige Lücken vorhanden sind (z.B. wenn das Fahrzeug an Privatfahrer vermietet worden war).

Die Einsatzzeiten wurden aus den Veranstaltungsdaten ermittelt. Den Graubereich, welche Fahrzeuge jetzt offiziell und regulär mit welcher Straßenzulassung unterwegs waren, will ich hier nicht ausloten. Das Reparto Corse hat laut Literatur zwanzig 1,6-Chassis ohne Fahrgestellnummer zusätzlich zu den bekannten Nummern erhalten, wie sollte aus 40 Jahren zeitlicher Entfernung das nachvollzogen werden können?

Lancia Fulvia: Leo Cella/Luciano Lombardini - Tour de Corse 1966

Lancia Fulvia: Leo Cella/Luciano Lombardini – Tour de Corse 1966

Verbal beschrieben, denn die Tabellen würden mehrere Seiten füllen, können aus rein persönlicher Sicht die untenstehenden zusammenfassenden Aussagen gemacht werden. Die ausgewählten Fotos zeigen jeweils die meist eingesetzten Fahrzeuge der drei Typen (Ausnahme TO 769484, für die ich kein bildschirmgerechtes Bild gefunden habe – Ersatz siehe oben).

Fulvia 1,2 HF zwischen November 1965 und Frühjahr 1967

  • 39 Einsätze mit 15 Fahrzeugen
  • 2 Siege durch Leo Cella
  • Einsatzdauer maximal 1 ½ Jahre
  • Meiste Einsätze mit # 1005 = TO 769484 (2.1966 bis 9.1967) – 5 mit einem Sieg San Martino di Castrozza  1966 sowie # 1009 = TO 769486 (2.1966 bis 11.1966) – 5 mit einem Sieg bei der Rallye Fiori 1966.
Lancia Fulvia: Cella/Lombardini - München-Wien-Budapest 1966 - 2. Platz hinto T. Makinen (Foto TMW Wien)

Lancia Fulvia: Cella/Lombardini – München-Wien-Budapest 1966 – 2. Platz hinto T. Makinen (Foto TMW Wien)

Stammpilot  war Leo Cella, Ove Andersson kam 1966 zu Lancia ebenso wie Jorma Lusenius, Pauli Toivonen verstärkte 1967 die HF Squadra Corse bis Ende des Jahres.

Lancia Fulvia: René Trautmann - Lyon-Charbonnieres 1968

Lancia Fulvia: René Trautmann – Lyon-Charbonnieres 1968

Fulvia 1,3 HF zwischen Jänner 1967 und Herbst 1969

(die Grenze zur 1,2 HF ist fließend, da einige 1,2-Fahrzeuge auf 1,3 aufgerüstet wurden)

  • 182 Einsätze mit 32 Fahrzeugen
  • 30 Siege (Europameisterschaft 1969 Harry Källström)
  • Einsatzdauer bis zu 2 Jahren, manchmal auch bis 1970
  • Meiste Einsätze mit # 1237 = TO 953013 (eines der „Streitrösser der Trautmanns“ 11.1967 bis 3.1969) – 11, gleichauf mit # 1273 = TO 970370 (2.1968 bis 11.1969) und # 1282 = TO 970371 (der Fulvia von Pat Moss-Carlsson 1.1968 bis 3.1969).
  • Erfolgreichste 1,3 HF: TO 953013 mit vier Siegen, mit 20 Fahrzeugen wurden die Siege errungen, davon neun durch Sandro Munari
Lancia Fulvia: Pat Moss-Carlsson/Elisabeth Nyström - Rallye Sestriere 1968 (Foto N. Trow, The Illustrated Lancia)

Lancia Fulvia: Pat Moss-Carlsson/Elisabeth Nyström – Rallye Sestriere 1968 (Foto N. Trow, The Illustrated Lancia)

Pat-Moss-Carlsson war eher die Ausnahme, denn es gab keine feste Zuordnung Fahrer-Fahrzeug (Sechs Einsätze von Jänner bis Juli 1966, danach fuhr sie  # 1276).

Lancia Fulvia: A. Ballestrieri/D. Audetto - San Remo 1968 (Foto R. Bonetto, Rallyes, 1971)

Lancia Fulvia: A. Ballestrieri/D. Audetto – San Remo 1968 (Foto R. Bonetto, Rallyes, 1971)

Auch hier ist der Übergang zur 1,6 HF fließend, einige 1,3 wurden offiziell umgebaut, drei wurden zu den F&M-Spidern modifiziert.

Lancia Fulvia: "Gastarbeiiter" J. Ragnotti - San Remo 1972 - erstmals in Marlboro-Livree

Lancia Fulvia: „Gastarbeiiter“ J. Ragnotti – San Remo 1972 – erstmals in Marlboro-Livree

Fulvia 1,6 HF zwischen Herbst 1969  bis April 1974
Abhängig von den Ausschreibungen der Bewerbe wurden 1,6 Prototypen bereits vor der FIA-Homologierung eingesetzt, es konnten allerdings keine Meisterschaftspunkte erreicht werden. Z.B. Tour de Corse, RACE Spanien.

  • 192 Einsätze mit 40 Fahrzeugen
  • 38 Siege (Markenmeisterschaft 1972)
  • Einsatzdauer bis zu 3 Jahren
  • Meiste Einsätze mit # 1003 = TO B51445 (9.1969 bis 7.1973) – 15, # 1320 = TO B99805 (1.1970  bis 7.1972) – 14, # 1004 = TO B51443 (8.1969 bis 9.1972).
  • Die Siege wurden mit 19 Fahrzeugen errungen – 11 Siege für A. Ballestrieri, 10 für S. Munari, 5 für H. Källström und 4 für S. Lampinen.
Lancia Fulvia: S. Munari/A. Bernacchini - Monte Carlo 1971 (Foto S. Munari, Una vita di traverso, 2007)

Lancia Fulvia: S. Munari/A. Bernacchini – Monte Carlo 1971 (Foto S. Munari, Una vita di traverso, 2007)

Ich denke,  das sollte fürs Grübeln reichen, ein Mehr erscheint übertrieben. Die vorhandenen Daten können als Grundlage für Detailrecherchen dienen, wenn jemand die Starts von bestimmten Fahrzeugen wissen will.

E. Marquart / 5.2010

Nachsatz: Ich habe versucht nach diesem Schema die Einsätze des Reparto Corse mit den Flavias nachzuvollziehen, was leider nur zu deutlich weniger aussagefähigen Zahlen geführt hat. Gibt es für die Fulvia den zitierten Datensumpf, ist es bei der Flavia eher ein flacher und trüber Tümpel.

Lancia Fulvia: A. Ballestrieri/A. Bernacchini - Rallye Elba 1972

Lancia Fulvia: A. Ballestrieri/A. Bernacchini – Rallye Elba 1972

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