Suum cuique – die Planai-Classic

Winterzeit ist Fulvia-Zeit!

Zumindestens für Helmut Neverla, den es seit vielen Jahr zur Planai-Classic nach Gröbming „zieht“. Sandro schau‘ aba!

Planai-Classic: SP 1 - Trabrennbahn in Gröbming (Alle Fotos J. Mayrhofer/Salzburg)

Planai-Classic: SP 1 – Trabrennbahn in Gröbming (Alle Fotos J. Mayrhofer/Salzburg)

Sag’ mir, wo die Zehntel sind …

Als „Vorwort“ zu Helmut Neverlas Bericht von der Planai-Classic 2010 noch einige unpassende Bemerkungen zur aktuellen Form des Gleichmäßigkeitssport aus Sicht eines Zurückgebliebenen, der sich schon bei den Erzählungen der teilnehmenden Beifahrer überfordert fühlt.

Der Veranstalter fährt die Strecke mit einem Fahrzeug mit geeichtem Wegmessgerät ab, misst so die zurückzulegenden Straßen – Etappen und Sonderprüfungen – nach besten Wissen und Gewissen auf 10 m genau, überträgt diese Entfernungen in das Roadbook, das den Teilnehmern knapp vor dem Start übergeben wird, und nennt eine Referenzstrecke, mit Hilfe derer die Teilnehmer ihre Wegmessgeräte mit dem des Veranstalters abgleichen können. Im Idealfall ergibt sich keine Abweichung zwischen den Messungen. So weit so gut. Nun finden Messung des Veranstalters und der Bewerb nicht im Labor zu genau definierten Umgebungsbedingungen statt, es ergeben sich daher physikalisch zwangsläufig Unterschiede in allen Parametern, welche die Erreichung der gewünschten Gleichmäßigkeit beeinflussen (können). Man könnte das Roadbook auch als Momentaufnahme bezeichnen, die als Bibel gilt, die nicht in Frage zu stellen ist.

Und jetzt beginnt die abnehmende Nachvollziehbarkeit für Außenstehende. Temperatur (Reifendruck = Reifenumfang) und Feuchtigkeit (Schlupf) sind ja noch verständlich, aber der wechselnde Schlupf durch die Topographie der Strecke (bergauf, bergab) in Verbindung mit der laufenden Abgleichung der im Roadbook angegebenen Entfernungen mit der gefahrenen Realität bringt einige weitere Unbekannte in die zu lösende Gleichung. Dass in den meisten Fahrzeugen die Wegmessgeräte wie der Tachometer von der angetriebenen Achse versorgt werden, bringt unberechenbare Abweichungen durch Durchdrehen oder Blockieren der Antriebsräder – also muss der Abnehmer für das Wegmessgerät auf die nichtangetriebene Achse verlegt werden (was z.B. bei Porsche serienmäßig ist). Doch auf glattem Untergrund, wie bei der Planai-Classic „üblich“, neigen auch die nichtangetriebenen Räder beim Bremsen zum Blockieren, womit die Wegmessung wieder unsicher wird. Sie ahnen nun bereits, wie die Spirale sich zu drehen beginnt: Wegmessung unsicher + Abstimmung Roadbook mit Realität – in welche Richtung ist der Schnitt zu korrigieren?

Planai-Classic: Michael Münzenmeier/Peter Pech - Tiefkühlkost in Gröbming (+0,43 Sekunden)

Planai-Classic: Michael Münzenmeier/Peter Pech – Tiefkühlkost in Gröbming (+0,43 Sekunden)

Ein kleiner Nachsatz: Peter Pech fuhr wieder mit Michael Münzenmeier im offenen Jaguar XK 140 OTS – sind Sie sicher, dass die mechanischen Uhren bei -5 Grad genau so exakt funktionieren wie im „warmen“ Coupé? = der nächste zu berücksichtigende Parameter.

Nicht zu vergessen ist, dass der Bewerb im „Finsteren“ stattgefunden hat – Start am späten Nachmittag, Zielankunft gegen 23:00 Uhr – der Beifahrer hat also in schummriger Beleuchtung Wegmessgerät, Stoppuhr und Schnitttabelle abzulesen und der Fahrer Tachometer und/oder Drehzahlmesser in „trüber“ Anzeige zu verfolgen.

Also lesen Sie im Folgenden den Bericht von Helmut Neverla, den ich unter den Titel „Suum cuique“ gestellt habe, welche(n) Parameter haben wir diesmal nicht ausreichend berücksichtigt?

Planai-Classic: ...die 0,16 Sekunden Abweichung waren leider nur von historischer Bedeutung

Planai-Classic: …die 0,16 Sekunden Abweichung waren leider nur von historischer Bedeutung

Wie alle Jahre auch 2010 derselbe Beginn: Das neue Jahr hat gerade begonnen, die letzten Silvesterraketen sind verglüht und Richard Hollinek und meine Person fahren Richtung Gröbming.

Wer einmal vom Planai- bzw. Ennstal-virus befallen ist, kommt fast nicht mehr los davon. So wie im letzten Jahr ging es am 3. Jänner ins Ennstal, wo nach der Papier- und Technischer Abnahme wie immer die Kalibrierung des Wegstreckenzählers (Halda Twinmaster) auf dem Programm stand. Das ist eine sehr zeitaufwendige Arbeit, denn von der richtigen Kalibrierung hängen Sieg oder Niederlage ab (man kann aber auch eines besseren belehrt werden).

Nach etwa zwei Stunden intensiven Abfahrens der Referenzstrecke hatten wir endlich ein brauchbares Ergebnis – auf ca. fünf Kilometer vier Meter Abweichung.

Dann fuhren wir weiter zur Planai -Mittelstation, denn dort beginnt die „Plainai-Sonderprüfung“ – die Bergstrecke ist zweimal auf die exakt selbe Zeit zu fahren. Wir notierten uns einige markante Streckenpunkte, wie Verkehrsschilder oder Holzstöße, um bei der Veranstaltung Referenzpunkte zu haben, für die wir dann bei der ersten Plainaiauffahrt die Durchfahrtszeit eintragen würden.

Nach getaner Arbeit ging es dann nach Schladming auf einen schnellen Tee und Kuchen, um anschließend nach den Roadbüchern der letzen Jahre mögliche Strecken abzufahren, die sich Helmut Zwickl vielleicht als 2010er Strecke ausgesucht hatte. Dieser ganze Spaß dauerte bis ungefähr 19 Uhr und dann fuhren wir ins Hotel, wo wir Werner Fessl mit seinem Beifahrer Dr.Schöggl trafen, um Werners Geburtstag zu feiern. Der Abend war wie immer von gegenseitigen Pflanzereien gefüllt, denn wir können, Gott sei Dank, alle herzlich über uns lachen.

Am nächsten Tag wurden wir aber von der Wirklichkeit eingeholt. Es gab zwar keinen Schnee auf den Straßen, aber dafür satte minus 15 Grad. Unserem Auto macht das nichts aus (ist ja ein Lancia!), aber das lange Warten auf der Trabrennbahn geht ganz schön in die Knochen. Nach absolviertem Traininglauf begann der Ernst des Lebens um 13 Uhr mit dem ersten Wertungslauf und somit eine sonderbare Pechsträhne. Richard und ich hatten uns vorgenommen die selbstgewählte Zeit von genau 45 Sekunden zu erreichen, und das gelang uns fast perfekt (um 0,14 Sekunden zu schnell). Im zweiten Lauf müssen wir diese Zeit bestätigen, was uns auf Anhieb auch gelang (Abweichung 0,16 Sec.). Als wir aber dann nochmals aufgerufen werden, weil unsere Gruppe noch einmal fahren muss, da bei einem der Teilnehmer unserer Gruppe ein Zeitfehler aufgetreten war. Bei dem neuerlichen Versuch stieg ich allerdings vor dem Lichtschranken zu vehement auf das Gaspedal – und war damit fast eine Sekunde zu schnell und damit wir fanden uns nur noch sehr weit hinten auf der Ergebnisliste (Platz 42) wieder.

Planai-Classic: Armin Schwarz - flott unterwegs, +0,22 Sekunden Abweichung

Planai-Classic: Armin Schwarz – flott unterwegs, +0,22 Sekunden Abweichung

Leicht niedergeschlagen starteten wir zur Rallye, um am frühen Abend bei der zweiten Sonderprüfung im Ziel von einem Verkehrsteilnehmer behindert zu werden und damit zu spät ins Ziel zu kommen. Vor der nächsten SP hatten wir großen Respekt, da wir letztes Jahr dort über sechs Sekunden ausgefasst hatten. Wir versuchten den Fehler vom vorigen Jahr nicht zu wiederholen. Das gelang uns ganz wunderbar, denn mit nur 0,4 Sekunden Abweichung von der Idealzeit hatten wir einige Plätze gutgemacht.

Bei Prüfung Nummer vier kam dann wieder Ernüchterung – über fünf Sekunden zu schnell –, aber anscheinend hatten dort sehr viele Teilnehmer in den Strafpunktetopf gegriffen und die meisten hatten heftig Punkte ausgefasst, obwohl die Prüfung ziemlich kurz war – es war eine der wenigen Prüfungen, auf der Eisglätte und Schneefahrbahn waren.

Nach Prüfung Nummer fünf ging es nach Schladming zur Zwangsrast, dort sickerten die ersten Zwischenergebnisse langsam zu den Teilnehmern. Unsere Platzierung hatte sich zwar verbessert (ungefähr um Platz 20), aber wir wussten nicht, ob wir zu schnell oder zu langsam gewesen waren, denn auf der Ergebnisliste im Internet standen keine Vorzeichen (- zu schnell/+ zu langsam)!

Ab 19 Uhr ging es dann wieder hinaus in die finstere kalte Nacht, gleich danach mit  Prüfung Nummer sechs, wo wir unsere Platzierung wieder ein wenig zu verbessern konnten. Prüfung Nummer sieben war die gefürchtete „Gelati-Prüfung“, wo eine riesengroße Wiese mit einer dicken Eisschicht überzogen worden war. Wir mussten mit ca. 30 km/h Schnitt auf blankem Eis (bergauf und bergab) die ungefähr 1,5 km lange Strecke in der vorgegebenen Zeit auf die Hundertstelsekunde durchfahren. Wobei man höllisch aufpassen musste, nicht zu schnell zu sein. Diese SP brachte uns wieder ein paar Plätze nach vorne.

Aber wie schon anfangs erwähnt, war uns das Glück 2010 nicht sonderlich zugetan, denn bei SP Nummer acht blockierte ein Schweizer Teilnehmer mit einem Lotus Elan +2 genau im Ziel die Straße (hatte wahrscheinlich auf Willhelm Tell gewartet) und so konnten wir das Ziel nur mit Verspätung passieren. Auf der letzten SP des Abends griff ich wieder einmal in den Sekundentopf und wir fassten unnötige 169 Punkte aus.

Bei einem sehr fürstlichen Abendessen bekamen wir sozusagen als Dessert die Ergebnisliste serviert, und ganz so schlimm, wie ich es befürchtet hatte, war unsere Platzierung nicht: Platz 14 von 51 gewerteten Teilnehmern war gerade noch akzeptabel.

Das, was am meisten schmerzte war, dass mein „ Intimfeind“ Werner Fessl auf der dritter Position lag und das hat er natürlich das als Revanche für seine „schmähliche Niederlage“ von der Ennstal-Classic 2009 betrachtet. Und damit sank unsere Moral noch weiter in den Keller! Wenn man die Ergebnisse vom ersten Fahrtag einmal genau unter die Lupe nimmt (www.planai-classic.at), ist es schon fast als Irrsinn zu betrachten, wie eng die Teilnehmer beisammen liegen, schon der geringste Fehler kostet einige Plätze.

Planai-Classic: Gitter gegen die Eisbären in der Fulvia von Armin Schwarz

Planai-Classic: Gitter gegen die Eisbären in der Fulvia von Armin Schwarz

Am nächsten Tag herrschte wieder Kaiserwetter und das Thermometer zeigte nur mehr 12 Grad Minus an und es stand die Planai-Prüfung am Programm. Die Spitzenpositionen waren alle bezogen und es war für uns wichtig nicht durch Dummheit noch weiter nach hinten zu rutschen. Diesmal war das Glück auf unserer Seite und durch zwei gleichmäßige Läufe konnten wir drei Plätze gutmachen und wurden in der Schlusswertung an elfter Stelle im Gesamtklassement angeführt.

Ich persönlich hatte mir einen bessere Platzierung erwartet, aber unser „System“, das bei der Ennstal-Classic 2009 so toll geklappt hatte, dürfte uns einen Streich gespielt haben, denn auch das nicht angetriebenes Hinterrad (von dort nehmen wir den Twinmaster ab) kann auf Eis, Schnee und Rollsplitt minimal blockieren und zeigt dadurch zu wenige Meter an. Das kann dazu führen, dass man auf den Sonderprüfungen immer zu schnell ist. Sie dürfen nicht vergessen, dass man für 100 Meter ca. 9 Sekunden brauchen darf, bei einer Abweichung von 30 Metern auf zehn Kilometern sind das dann ungefähr drei Sekunden ( = 300 Punkte) – das bedeutet bei einer SP eine Platzierung im hinteren Feld. Aber: wir haben uns ja diesen Sport selber ausgesucht) = Suum cuique!

Natürlich gab es auch einen Sieger, das war nach dem zehnten Versuch ein altbekanntes Gesicht und zwar Baumeister Ing. Franz Brachinger mit Co Othmar Schlager aus Gröbming auf BMW 2002tii, Werner Fessl wurde mit Formel 1-Spitzentechniker Dr. Schöggl bravouröser Dritter auf Fiat 1800 Coupe.

Planai-Classic: Ehepaar Mischka +0,19 Sekunden Abweichung auf der Trabrennbahn

Planai-Classic: Ehepaar Mischka +0,19 Sekunden Abweichung auf der Trabrennbahn

Es waren auch wieder einige Fulvias am Start (die wachsen im Moment wie die Schwammerln aus dem Boden). Neben Neverla/Hollinek war das Ehepaar Mischka mit einer 1600 HF am Start und war am Ende auf dem sechzehnten Platz zu finden. Der bekannte ehemalige Werks-Rallyefahrer Armin Schwarz (Toyota, Audi, Ford, Mitsubishi usw.) aus Deutschland brachte das schlimmste Auto an den Start, das ich je gesehen habe. Eine weinrote 1,6HF Fulvia der ersten Serie mit teilweise verschlissenem Schriftzug „S.Munari – M.Manucci“ und der Startnummer 14 – ich kann nur sagen mehr als abscheulich. Der in Rosenheim lebende Kärntner Gerhard Pegam kam ebenfalls mit einem eigenartigen Ding an den Start. Eine Fulvia 1,3 S der zweiten Serie mit Marlboro-Lackierung und einem extrem kurz übersetztem Getriebe (Spitze maximal 130 km/h), das aber gleich beim ersten Trainigslauf  K.O. ging.

Planai-Classic: Gerhard Pegam in flottem Drift - kein Ergebnis auf der Trabrennbahn

Planai-Classic: Gerhard Pegam in flottem Drift – kein Ergebnis auf der Trabrennbahn

Natürlich waren wie immer einige ehemalige so wie aktuelle Weltmeister am Start der Planai-Classic: Der erste Rallyeweltmeister (1979) der Geschichte Björn Waldegaard mit Co Hans Sylvan sowie Rallyeeuropameister (1965) Rauno Aaltonen, Gruppe-N_Rallyeweltmeister (2008) Andreas Aigner (mit prominenten Copiloten „Seyffenstein“ vulgo Rudi Roubinek) sowie Vater und Sohn Wittmann. Dass Björn Waldegaard noch immer einen gefühlvollen Gasfuß besitzt, hat er zuletzt zweimal bewiesen und zwar im Dezember bei der historischen Safarirallye, wo er als zweiter die Ziellinie überquerte, und bei der letzen SP auf die Planai hinauf, wo er mit nur 0,03 Sekunden Abweichung den ersten Platz erreichte. Immerhin ist Waldegaard Baujahr 1943. (Da habe ich vielleicht auch noch Chancen schnell zu werden.)

So, liebe Lanciafreunde, das war die Planai 2010 und ich sage wie immer meinem Copiloten Richard Hollinek herzlichen Dank für den Mut, auf Eis, Schnee und Splitt nicht nur meine ungestüme Fahrt auszuhalten, sondern mir auch alle 100 Meter auf den Sonderprüfungen die richtige Zeit anzusagen.

Es grüsst aus dem Caströlsumpf
Helmut J. Neverla

PS: Demnächst gibt es Fotos auf meiner Homepage von der Planai-Classic (www.auto.neverla.at)

Planai-Classic: Suum cuique - jeder, wie er meint, dass es "echt" ist!

Planai-Classic: Suum cuique – jeder, wie er meint, dass es „echt“ ist!

Nachsatz: Es erfreut den Redakteur, dass Helmut Neverla die „bemalten“ Fulvias von A. Schwarz und G. Pegam als scheußlich gefunden hat, diese Fahrzeuge reihen sich nahtlos in die Galerie der „Unwissenden“ ein, die im August 2009 bei der Ennstal-Classic als „Graffitti“ bezeichnet wurden.

E. Marquart / 1.2010

Josef Mayrhofer stellt seine Fotos – nicht nur die von den Lancias – auch in hoher Auflösung gegen Entgelt zur Verfügung, E-mails an lancianews office@lancianews.com leiten wir gerne nach Salzburg weiter.

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