Es geht ja doch! – Ennstal Classic 2009

Es geht ja doch! – Ennstal Classic 2009

14 Jul, 2009

Was lange währt, wird gut! Endlich ziemlich ganz weit oben – soweit es die Spezialisten zulassen. Helmut Neverla hat sein Langzeitziel fast erreicht – ganz oben bei der Ennstal Classic gewertet zu werden.


Start zum Prolog am Donnerstag in Gröbming

Kennen Sie folgendes Spiel? Sie haben die Starterliste der Ennstal-Classic vor sich und streichen jene Teilnehmer an, von denen Sie glauben, dass sie auf einen Spitzenplatz kommen könnten. Und als letzte setzen Sie dann Ihren eigenen Namen ein – und entdecken, dass es fast unmöglich ist, vorne bei der „Musik“ dabei zu sein. Und im Ziel haben Sie dann den 6. Platz erreicht und wildfremde Menschen gratulieren Ihnen zu dieser Platzierung!

Als Richard Hollinek und ich die Ergebnisliste der Planai Classic 2009 – siehe Bericht im Drivers Journal – studiert haben, waren wir überzeugt, dass wir auch bei der Ennstal-Classic bei der „Musik“ dabei sein könnten. Der große Unterschied zur „Planai“ ist neben den Wetterbedingungen vor allem die vierfache Teilnehmeranzahl – 205 Teilnehmer! Das wäre nach der obigen „Stricherlliste“ dann eine Platzierung um den 45. Platz gewesen – nicht gerade berauschend. Also, was können wir machen, um uns gewaltig zu verbessern? Da gibt es auf die Schnelle einige Möglichkeiten: Start mit einem Auto mit viel mehr Hubraum und PS, oder Tag und Nacht zu trainieren, oder die Zeitnehmer bestechen! Das alles kam für uns natürlich nicht in Frage, da wir beide überzeugte Fulvia-Enthusiasten sind. Wir mussten daher noch nach anderen Möglichkeiten suchen.


„Jean Todt der Gleichgültigkeit“ an der Vorbereitungsarbeit

Ich studierte die einschlägige Literatur und entschloss mich schließlich eine kürzere Getriebeübersetzung einzubauen, da bei Gleichmäßigkeitsrallyes nicht die Höchstgeschwindigkeit ausschlaggebend ist, sondern das schnelle Erreichen der vorgeschriebenen Durchschnittsgeschwindigkeit in jeder Fahrsituation. Weiters nennt die Literatur das Befüllen der Reifen mit speziellem Gas und – ganz wichtig – das exakte Eichen des Wegstreckenzählers. Diese Hausaufgaben haben Richard und ich gewissenhaft gemacht. Zwei Abende haben wir praktische Beispiele in der Theorie geübt und dann auf Wienerwaldtrassen umgesetzt.

So sind wir schließlich durchtrainiert und voll Vertrauen ins Ennstal gereist und waren der Meinung, ein Platz unter den ersten Dreißig ist uns sicher, mit ein wenig Glück vielleicht auch unter den ersten Zwanzig.


„Orange-Marathon“ – noch bei Sonnenschein unterwegs

Nachdem wir unser Gepäck im Quartier abgegeben hatten, ging es zur administrativen Abnahme in Gröbming, danach zur technischen Abnahme, wo überprüft wurde, dass wir keine im Reglement verbotenen elektronischen Hilfsmittel eingebaut hatten. Danach ging es sofort auf den Stoderzinken, der Strecke der ersten und zweiten Sonderprüfung, wo vor allem die letzten 500 Meter vor den Lichtschranken zu studieren waren, um dann beim Bewerb mit angemessenem Zeitpolster zu den offenen Messpunkten zu kommen. Nach dieser Recherche ging es an die maßgebende Aufgabe: Eichen den Twinmasters. Nach mehrmaligem Wechsel der Zahnräder und Änderungen des Reifendrucks lag unsere Abweichung auf der Referenzstrecke nur noch im Promillebereich, sodass wir uns nun dem Kennenlernabend der Veranstaltung widmen konnten.

Am Donnerstag den 16. Juli wurde dann die Ennstal-Classic mit dem „Orange“-Prolog auf den Stoderzinken gestartet. Die erste SP bergauf war nicht berauschend, mit 0,88 Sekunden Abweichung waren wir nicht gerade im Spitzenfeld zu finden. Bergab auf der zweiten SP ging es dann deutlich besser – 0,26 sec Abweichung. Auf der dritten SP auf dem Flugplatz von Niederöblarn konnten wir uns noch einmal steigern – 0,14 sec. In dieser Genauigkeit ging es weiter – der Veranstalter schickt den Teilnehmern die erreichten Abweichungen per SMS auf die Handys, sodass sofort nachgebessert werden kann – dann kam die SP 6, meine Angst-SP, denn sie ist 24 km lang und hat über 17 km keine Referenzpunkte, an denen man die Abweichungen überprüfen könnte. Und gerade diese SP wurde das Highlight des Tages: 0,19 sec Abweichung = 2. Platz gesamt! Am Abend in Gröbming lagen wir auf den 8. Platz im Gesamtklassement, umgeben von viel Prominenz. Verwunderlich war, dass einige der Favoriten nur im hinteren Teil des Feldes zu finden waren.

Nach einer eher unruhigen Nacht ging es am nächsten Tag zum großen „Orange-Marathon“ über 575 km. Wir waren nervös, da wir einerseits den 8. Platz halten wollten und andererseits wussten, dass die Abstände bis Platz 14 denkbar knapp waren. Es waren sechs Sonderprüfungen vorgesehen, bei denen die Erfahrung der letzten Jahre zeigte, dass das Zeitenservice via Handy wegen der gebirgigen Landschaft nicht zuverlässig funktionierte. Doch die Zeiten den ersten vier SP waren nicht schlecht. Die letzten beiden Sonderprüfungen mussten nach einem heftigen Unwetter und Unfällen abgesagt werden, sodass wir gespannt in Schladming auf die Ergebnisse warteten: hatten wir unsere Position halten können oder waren wir nach hinten gerutscht? Und die Überraschung war perfekt: wir lagen auf dem 5. Platz des Gesamtklassements! Für uns und viele Zuschauer eine Sensation, die bei der Zieleinfahrt mit viel Applaus bedacht wurde.


So schauen Leute aus, die noch nicht wissen, dass sie Fünfte sind!

Das ergab für mich wieder eine unruhige Nacht, da nun vom 4. bis zum 10. Platz alles noch möglich war! In der Nacht gab es dann einen Wetterumschwung, Gewitter bis Mittag des Samstags und einen Temperatursturz. Als es dann gegen 14:30 Uhr zum Grand Prix von Gröbming ging – drei Lichtschrankenprüfungen vor Riesenpublikum – war bei mir die Anspannung riesengroß, und dann setzte wieder Regen ein.


Grand Prix von Gröbming – drei Messungen auf 1.385 m

Telefonisch wurde bei wohlmeinenden Freunden in Wien noch rasch die neue Schnitttabelle eingeholt, weil wegen des Regens die Fahrzeiten verlängert worden waren. Als wir zum ersten Lichtschranken kamen und Richard mir die Zeit von fünf abwärts zählte, hatte ich meine Nerven wieder im Griff, wir waren sicher nur geringe Abweichung geschafft zu haben, genauso bei der zweiten Messung. Und schließlich kam der dritte und letzte Lichtschranken. Wir hatten viel Zeit, ich konnte mich ungehindert konzentrieren, doch als Richard die letzten Sekunden herunterzählte, machte ich einen Riesenfehler! Der Straßenbelag war nasses Katzenkopfpflaster – und beim Gasgeben drehten die Vorderräder unkontrolliert durch, das kostete uns den 4. Platz! Zuerst war ich ziemlich sauer auf mich, solch ein Blödsinn konnte wohl nur mir passieren. Mit etwas Abstand wandelte sich das Bild: so schlecht war der 6. ja doch nicht, wenn man bedenkt, wen wir alle hinter uns gelassen hatten. (Die Ergebnisse finden Sie unter www.ennstal-classic.at )


„Surfen im letzten Paradies“

Ergänzend will ich noch erwähnen, dass 2009 sechs Fulvias, darunter auch die berühmteste – Nr. 14 = Siegerwagen der Rallye Monte Carlo 1972, am Start waren. Weiters eine Aurelia B20 GT, eine Aurelia B24 S und eine Flaminia Convertibile – und alle kamen ins Ziel. Das zeigt die Qualität unserer Fahrzeuge.

Zum Abschluss möchte ich mich bei meinen Beifahrer Richard Hollinek bedanken, der mich mit unglaublicher Zähigkeit zum Trainieren gezwungen hat und ein Zampano im Umgang mit Stoppuhren und Schnittlisten ist. Danke, Richard (Taxfrei nun als „Jean Todt der Gleichgültigkeit“ anzusprechen).

Das gute Ergebnis der Ennstal-Classic 2009 hat meinen Entschluss 2009 mit den Oldtimerrallyes (wieder einmal – Anm. der Redaktion!) aufzuhören ins Wanken gebracht – „es geht ja doch!“ – vielleicht hören Sie nun doch wieder zu diesem Thema etwas von mir!

Helmut J. Neverla aus dem Caströlsumpf / 7.2009

Fotos: Josef Mayrhofer, Salzburg und Franz Casny, Wien

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