Autonomes Autofahren – mit einer Fulvia!

Autonomes Autofahren – mit einer Fulvia!

27 Jan, 2019

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Seit etwas über einem Jahr fahre ich jetzt einen braven Familien-Van deutscher Produktion, Baujahr 2017. Nach fast 20 Jahren drehmomentstarker, aber kurzatmiger Diesel-Motorisierung habe ich ausreichende Benzin-PS bestellt und auch bekommen. Aber in dem Paket war aber auch der Antrag zu meiner Entmündigung als Autofahrer inkludiert. Die allzeit präsente Elektronik nimmt mir wohlwollend(?) sehr viele Handgriffe und „Entscheidungen“ ab, ich bin ungefragt Passagier, der besser die Elektronik walten lassen sollte. Das Mitdenken sollte man besser vor dem Einsteigen zu Hause lassen.

Aber an ungefähr 20 Tagen im Jahr fahre ich mit meiner Fulvia, pro Jahr durchschnittlich 4.000 km, und frage mich zunehmend, wie ich mit diesem antiken Fortbewegungsmittel überhaupt vom Fleck komme. Ich beschreibe nun die Schritte, notwendigen Handgriffe zur Inbetriebnahme, Fortbewegung und Abstellen – jeweils im Vergleich mit der wohlwollenden Elektronik.

Fulvia-Schlüssel – doppelt gemoppelt

Ich nähere mich der Fulvia, krame in der Tasche nach den Schlüsseln – ja, Mehrzahl. Welcher ist jetzt für die beiden Türen? Ah ja – der schwarze. In welcher Richtung drehe ich nun den Schlüssel? Die Tasche kommt in den Kofferraum – der weiße Schlüssel. Warum bleibt der Kofferraumdeckel nicht oben – erst das vertraute Knacken signalisiert das Obenbleiben. Aber nun nochmals anheben, dass man den Deckel wieder schließen kann.

Das Einsteigen ist herrlich bequem, kein Hinaufklettern, kein Hineinzwängen, locker in den Schalensitz rutschen. Passt wie angemessen, die elektrische Sitzverstellung mit „Memory“-Effekt fehlt überhaupt nicht.

Aber jetzt wird es archaisch kompliziert: Nix da mit Hinlegen des Schlüssels, Bremspedal steigen und silbernen Knopf drücken! Den schwarzen Schlüssel, es ist zufällig derselbe, mit dem ich die Tür aufgeschlossen habe, verkehrt in das Schloss auf dem Armaturenbrett gesteckt und mit dem Ritual begonnen, das sonst die elektronischen Heinzelmännchen hinter den Kulissen (verlässlich?) erledigen. Schlüssel nach rechts drehen, ein (Ladekontrolle) bis zwei (Handbremse) rote Lampen leuchten auf, ein paar Sekunden warten bis das laute Klackern von rechts hinten zu einem leisen Klopfen geworden ist [Individuelle Zusatzausstattung mit elektrischer Benzinpumpe]. Sich die Umgebungstemperatur ins Gedächtnis rufen und erinnern, ob ich heute schon mal den Motor gestartet habe. Abhängig von diesen Umgebungsbedingungen irgendwo links unter dem Armaturenbrett nach einem Hebel mit rundem, schwarzem Knopf suchen, diesen zu sich ziehen – das zweite/dritte rote Licht auf dem Armaturenbrett leuchtet auf. Wenn heute schon mal gestartet, kann dieser Schritt der Prozedur unterlassen werden.

 

Fulvia – die „erschreckende“ Vielfalt der Bedienungselemente

 

Mangels Wählhebel, der auf P-Position stehen muss, und Drücken des Bremspedals müssen andere Aktivitäten gesetzt werden: mit dem linken Fuß das linke Pedal im Fußraum bis zum Boden treten und den Schlüssel in das Schloss drücken – abhängig von den Umgebungsbedingen – im warmen Zustand des Motors – mit dem rechten Fuß ganz leicht (mit dem rechten Pedal) Gas geben. Entschlossen springt der Motor an, schüttelt sich, läuft etwas unrund bis mit etwas Gas der stabile Zustand erreicht wird.

Nun erfolgt der kritische Blick auf die reichlich vorhandenen Anzeigegeräte auf dem Armaturenbrett: dass ich ausreichend Super 100 im Tank habe, zeigt die linke Anzeige; das mittlere Gerät zeigt die Temperatur des Kühlwassers – wichtig beim Kaltstart, Signorina Fulvia schätzt kurz- und langfristig kräftiges Gasgeben bevor nicht die Anzeige über „70“ steht gar nicht; und rechts der Öldruck. Ein archaischer Blick in das Innenleben des Motors – moderne Auto übernehmen durch beliebig große Leuchten die Überwachung dieses wichtigen Kriteriums – hier muss ich die Anzeige selbst interpretieren: hoch (an die 5 bar), weil Öl noch kalt, normal bei 2,5 bar, wenn unter dieser Marke, dann sollte man bald den Mechaniker seines Vertrauens aufsuchen. Als stolzer HF-Eigentümer blicke ich noch pflichtbewusst nach rechts auf die Beifahrerseite, denn dort befindet sich die Öltemperaturanzeige. Dieser Zeiger sollte nach dem Start noch brav weit links stehen. Dass das rote Licht für die Ladekontrolle inzwischen verloschen ist, nehme ich erfreut zu Kenntnis.

Alles im „grünen Bereich“? Dann fahren wir jetzt los. Die eventuell leuchtende zweite rote Leuchte weist uns darauf hin, dass die archaische Handbremse – so ein langer Stock, den man auch in Notsituationen ganz gut gebrauchen kann – noch angezogen ist. Das Lösen kann ungewohnterweise ohne Tritt auf das Bremspedal erfolgen. Fast fahrlässig! Die Unbequemlichkeit des Kuppelns, Schaltens = Gangwechsel und Anpassung der Geschwindigkeit an die Charakteristik des Motors soll es ja auch noch bei modernen Autos geben, wollen wir hier nicht besonders besprechen. Natürlich vergesse ich den Choker nicht, schiebe den Hebel nach kurzer Zeit wieder nach vorne, das (dritte) rote Licht erlischt. Wir fahren – ohne Navigationsgerät, welches das wunderschöne hölzerne Armaturenbrett verunstalten würde, ohne Tempomat und nervösen Abstandswarner – so wie wir uns das gewünscht haben.

Fulvia S1 – vier Gänge reichen (fast) immer.

Die vier Vorwärtsgänge reichen (nicht überraschend) voll aus, um die Fulvia artgerecht zu bewegen, auch ohne einstellbaren elektronischen Fahrmodus, der sich zwischen den sechs bis sieben Gängen entscheiden muss. Zum Teil mit Drehzahlen, vor denen sich einige moderne (Turbo)-Motoren fürchten, die aber der Drehzahlmesser verlässlich ohne Schreckensmeldungen anzeigt. Sollte es schlimmerweise regnen, verlassen wir uns auf unsere Augen und Erfahrungen, Warnungen, dass die Abstandskontrolle „schlechte Sicht“ hätte, sind nicht zu erwarten, selbständiges Einbremsen der vorsorglichen Assistenten nicht vorgesehen – lassen wir mal Beifahrer(innen)-Anweisungen beiseite.

Allerdings, so ein Scheibenwischer mit Intervallschaltung ist kein Nachtteil, denn die drei gleich ausschauenden weißen Kippschalter in der Mitte des Armaturenbrettes sind manchmal schon eine Herausforderung: welcher ist jetzt der Wischer, welcher der Wascher, welcher dass Gebläse? Der am weitesten weg ist ergonomisch angeordnet der Wischerschalter, Ausschalten nicht vergessen!

Nach der Ausfahrt kommen wir nach Hause, schieben rückwärts in die Garage. Das Tor ist eher eng, Tür auf zum Blick zurück – kein hektisches, automatisches Anziehen der Handbremse und die Anweisung, den Wählhebel auf Parkposition zu stellen – geparkt, Motor abgestellt. Mit leisem Knistern kühlt er nun aus, die Fulvia verabschiedet sich ohne „weitere Meldungen“ wegen Stellung des Schalthebels, Mobiltelefon usw. Danke für den Ausflug!

Die Zulassungsnummern von der Fulvia abmontiert, auf den Van montiert, hinaufgeklettert, zurechtgesetzt, den Schlüssel in eines der viele Ablagefächer gelegt (wo man später erfolgreich suchen kann), rechten Fuß auf das Bremspedal, silbernen Knopf gedrückt, unübersichtliche Lichtspiele, „Willkommen Hannes“ und das halbautonome Fahren nach Hause kann losgehen.

 

Fulvia – das glücklicherweise rein analoge Armaturenbrett

 

E. Marquart / 1.2019

1 Kommentar

  1. Thomas Herbsthofer /

    Nun, die Entmündigung des modernen Automobilisten ist reines Marketing – Kalkül, zur Behebeung jeglichen Defektes MUSS die Werkstatt aufgesucht werden auf dass jener Euro rolle mit dem man als Hersteller noch Verdient, der Neuwagenkäufer hinterlässt ja bekanntlich keinen merkbaren Gewinn mehr. Archaische Selbstschraubergeräte wären heutzutage finanziell nicht mehr tragbar, je mehr Elektronik auf engstem Raum desto eher geht diese kaputt desto mehr Reperatur – Gewinn verbleibt den Herstellern. Gebrauchtwagen und Reperaturen bringen den Rubel zum Rollen.

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